BIOGRAPHIE
 
DAS WERK
ABGESANG
CULPA
REZENSION VON
KARL HAFNER
PRESSESTIMMEN
ALLES UMSONST
BLOOMSDAY '97
DER ROTE HAHN
HEILE WELT
HUNDSTAGE
LETZTE GRÜßE
WELTSCHMERZ
MARK UND BEIN
LANGMUT
Dirk Hempel:
EINE BÜRGERLICHE BIOGRAPHIE
Volker Hage:
WALTER KEMPOWSKI
Walter Kempowski:
IM BLOCK
Walter Kempowski: DIE DEUTSCHE CHRONIK
Walter Kempowskis TAGEBÜCHER
LINKS
 

LESEPROBE

Die Jahre 1949 bis 1952 verbrachte er mit 400 Männern auf engstem Raum: "Die Pritschen waren 1,50 m breit, für drei Mann!" Studien treiben, hatte Robert ihm zugeraunt, als sie auf dem Saal Einzug hielten, Studien treiben, das komme ja nie wieder, und: "Lauter Lemuren!" Er lernte Menschen unterschiedlichster Herkunft und Profession kennen, freundliche Erzgebirgler und Glasbläser aus dem Vogtland, Juden, die Auschwitz überlebt hatten, KZ-Kapos, einen Kaufmann, der in Persien gearbeitet hatte, einen Bäcker, dessen Vater Schlachter gewesen war und eine Gastwirtschaft besessen hatte, einen Bankpräsidenten, dazu Amerikaner, Finnen, einen Fremdenlegionär, der in Dien Bien Phu gekämpft hatte, Alte und Kinder. "Sebastian Brants 'Narrenschiff', damit kann man es vielleicht vergleichen, obwohl es darüber hinausging, es gab ja nicht nur Narren im Saal, sondern alle Arten von menschlichem Verhalten, alle vorstellbaren Charaktere, angenehme wie unangenehme." Er traf den Feldwebel seines Vaters und Detlef Nahmmacher, der ihm 1943 die Haare abgeschnitten hatte, außerdem einen Neffen seines ehemaligen Lehrers Johannes Gosselck. Kempowski ging immer wieder von Pritsche zu Pritsche, sprach mit den Männern, fragte sie nach ihrem Leben, hörte stundenlang zu. Der babylonische Chor der Stimmen faszinierte ihn. "Ich begann mit dem Einsammeln der Schicksale schon in Bautzen, das Belauschen der Gespräche, das Geraune, nicht erst seit dem schon geschilderten Gang über den Hof, seit damals aber zielbewußt."
   Er habe die Menschen kennengelernt, sagt Kempowski, ihr Verhalten in extremer Situation. "Das Erstaunlichste war, dass sich auch unter den Bedingungen des Zuchthauses so etwas wie eine bürgerliche Ordnung herstellte. Ich war sonderbarerweise als Sohn eines Reeders geachtet, verfügte zeitweise über eine Art Diener, einen Mann, der mir die Strümpfe stopfte und dafür mit einem Teil der Suppenration entlohnt wurde."

Wie in den Kriegsgefangenenlagern der Alliierten organisierte sich auch im Zuchthaus Bautzen ein Kultur- und Lehrbetrieb, an dem Kempowski regen Anteil nahm. Er konnte endlich den Französischunterricht fortsetzen, bei Wolfgang Natonek, dem Sohn des Schriftstellers Hans Natonek. Er war LDP-Mitglied und an der Universität Leipzig Vorsitzender des Studentenrates gewesen. "Sein Unterricht kam mir sehr zugute. Ich zehre immer noch davon. Er konnte Fabeln von La Fontaine aufsagen, die ich dann auswendig lernte, ,Le corbeau et le renard', oder er gab Vorlesungen über die deutsche Klassik wieder, die er bei Hermann August Korff gehört hatte (,Geist der Goethezeit')." In Göttingen begegnete Kempowski ihm wenige Jahre nach der Entlassung wieder.
   Bei einem Volksschullehrer namens Erler besuchte Kempowski Kurse zur Harmonielehre, und er nahm an einem literarisch-philosophischen Gesprächskreis teil, den der Studienrat Hans Haustein ("Eckstein" in "Ein Kapitel für sich") leitete. Philosophische Systeme wurden in dem sogenannten Mimosenclub erläutert und aus dem Leben der Dichter berichtet, Gedichte rezitiert - "blödem Volke unverständlich". Kempowski: "Ich habe nie wieder so intensiv Gedichte gelesen wie in Bautzen." Er schrieb auch selbst Verse, in denen es um die Situation der Gefangenschaft ging:

In meinem Aquarium hängen die Fische seltsam starr und stumm. Doch - wenn ich die Scheibe wische, Fahren sie plötzlich herum.

Oder um die freundschaftlichen Beziehungen im literarischen Gesprächskreis:

Nächtlich durch die großen Hallen sinnend schreiten kühlen Marmor an den bloßen Füßen und befreiten Atem auszustoßen Und empfinden Dankbarkeiten daß in dieser urteilslosen Welt dich immer noch begleiten zartempfindende Mimosen.

In den acht Jahren konnte er etwa 20 Bücher lesen, darunter "Schuld und Sühne", "Krieg und Frieden", Shakespeares Königsdramen, Dantes "Göttliche Komödie", Kellers Novellenzyklus "Das Sinngedicht", Giorgio Vasaris "Künstler der Renaissance", ein Buch über Heinrich Vogeler und Fritz Reuters "Ut mine Festungstid".
   Kempowski gehörte auch einer Gruppe an, die sich um Jochen Hafner versammelte. Der Studienrat berichtete den Oberschülern aus seinem Leben, von Kriegserlebnissen, von seiner Einstellung gegen die Nationalsozialisten. "Nicht was er erzählte, beeindruckte mich, sondern wie er es erzählte", so Kempowski, "seine pädagogische Art sprach mich an. Junge Männer brauchen das wohl, eine starke Persönlichkeit außerhalb der Familie." Hafner beeinflußte die Gruppe nicht erzieherisch, sondern durch seine Anwesenheit, durch Gespräche, Zuhören, Eingehen auf die Teilnehmer. "Es ging eine Art Liebe von ihm aus, nicht im sexuellen Sinne, sondern ein Eros, der wirksam wird. Seine Ausstrahlung war enorm." Für den vaterlosen Kempowski bedeutete Jochen Hafner eine positive Autorität. Am meisten beeindruckte ihn der pädagogische Raum, der hier eröffnet wurde. "Es waren nur wenige konkrete Anstöße, die ich von ihm empfing. Er ließ mich Gedichte schreiben, einmal sollte das Wort 'Fahrrad' darin vorkommen. Es wurde auch viel interpretiert. Rilkes 'Sonette an Orpheus' spielten eine große Rolle. Und er plädierte für ein Schulfach 'Allgemeine Lebenskunde', Benimmfragen sollten vermittelt werden, wie man richtig liest und einen Knopf annäht. Das habe ich später als Lehrer angewendet, älteren Schülern in der großen Pause Schachspielen beigebracht und englische Vokabeln." Hafner setzte die Linie der pädagogischen Anregungen fort, die von Kempowskis Mutter und den Lehrern Märtin und Gosselck ausgegangen war. Er wies dem Suchenden auch die Richtung in eine berufliche Zukunft, nämlich Lehrer zu werden. Darin bestärkten ihn auch die Erzählungen des Volksschullehrers Erler über seine einklassige Dorfschule in Ostpreußen und seine eigenen Kindheitserinnerungen an den Sommer 1933, den er im Haus eines Lehrers in Bad Sülze an der Schwarzen Recknitz verbracht hatte.
   Der allgemeine Kulturbetrieb auf dem Saal war lebhaft, besonders in den ersten Monaten des Jahres 1950, nach der Übergabe an die Volkspolizei, die anfangs von der Verwaltung überfordert war. Das Ende des breiten Mittelgangs wurde als Veranstaltungsort benutzt. Sonntags wurden Vorträge gehalten. Der Kustos des Zoologischen Museums Königsberg referierte über Würmer und Kriechtiere, ein Lehrer sprach über Himmelskunde, Robert über die Schiffsmaklerei, Segelflieger und Weltreisende kamen zu Wort. Einzelheiten einer mehrteiligen Vorlesung über Lust- und Unlustgefühle kann Kempowski auch jetzt noch wiedergeben. Der Inhalt ganzer Bücher wurde erzählt, jemand konnte das erste Klavierkonzert von Tschaikowsky pfeifen, ein anderer Szenen aus Schillers "Don Carlos" vortragen, "Faust" I bis zur Walpurgisnacht wurde aufgeführt. Bei "Bunten Abenden" traten Zauberkünstler und Clowns auf, wurden Tucholsky-Gedichte vorgetragen. In der Kirche wurden Filme vorgeführt, zumeist sowjetische, aber auch tschechische und deutsche. Karl Lieffen, den er schon in Wiesbaden im Theater gesehen hatte, erschien ihm nun auf der Leinwand. "Mein Bruder und ich sahen ausgerechnet in Bautzen einen Film mit ihm, und wir beide riefen: Wie Vater!"
   Kempowski betätigte sich zeitweilig als Theaterdichter und -regisseur. Mit Unterstützung seines Bruders rekonstruierte er den Text von Curt Goetz' "Die tote Tante", ein Stück, das sein Vater oft zitiert und das er selbst kurz vor der Verhaftung gelesen hatte. Kostüme wurden aus Zivilkleidern zusammengeliehen, Tische zur Bühne zusammengeschoben, ein Vorhang aus Bettlaken hergestellt. Robert übernahm die Rolle des Pastors.
   Außerdem schrieb Kempowski einen Zweiakter über einen Homo Tarzanus, der bei einer Expedition im Dschungel entdeckt wird. Am Ende bleibt der Expeditionsleiter in der Wildnis und lebt wie der tarzanähnliche Mensch, während dieser mit der Expedition den Urwald verläßt. Die Sehnsucht nach Abgeschiedenheit und Ruhe bildet einen Kontrast zur belebten Welt der Zivilisation - die Hoffnungen des Gefangenen auf Freiheit, aber auch die Furcht vor der bürgerlichen Welt drücken sich hier aus. Die Vorstellung wurde zu einem großen Erfolg für den Autor und Regisseur, nicht zuletzt durch Roberts überragend komische Darstellung des Tarzan. Auch als Sänger eines Jazzquartetts reüssierte Kempowski, mit heiserer Stimme wegen einer Stimmbandreizung und in Art der Mills Brothers hoffend. "Als wir geendet hatten, setzte ein Gejohle und Geschrei ein, als ob sich der Deckel vom Kochtopf hob und die Milch überkochte. Ich bin sofort verschwunden."

Die kulturellen Aktivitäten, die Bildungsmöglichkeiten dürfen nicht darüber hinwegtäuschen, daß die Jahre der Haft sehr hart waren. Hunger, Kälte, katastrophale sanitäre Einrichtungen, unzureichende medizinische Versorgung bestimmten den Alltag im Gefängnis. Robert Kempowski schildert die primitiven Umstände: "3 Glühbirnen in einem Saal von 35 Metern Länge und 15 Metern Breite, in dem 400 Leute hausen. Für jeden bleibt ein Raum von 50 Zentimetern in der Breite und 2 Metern in der Länge; Staub, Dreck, Lärm, Gestank, 5 Klos für 400 Leute." Die Verpflegung war schlecht, Hunger an der Tagesordnung, Gewichtsverlust, Entkräftung die Folge. Robert Kempowski: "Ich erinnere mich an den Ruf 'Westflügel - Suppe', bei dem wir schon mit der Schüssel an der Zellentür gestanden haben. Dies zum Gefühl Hunger, das man sich heute kaum mehr vorstellen kann. Damals gab es beispielsweise die 'Krümelkacker', die Krümel gesammelt und in Beuteln zum Trocknen aufgehängt haben. Es hat Leute gegeben, die Nudeln zum Trocknen aufgehängt haben, um sich irgendwann einmal einen 'Prasdnik' zu machen. Leute haben ihre 'Kuhlen' (Gaunersprache = Brotration) untereinander getauscht und 2 Tage gehungert, um einmal eine richtige Mahlzeit zu haben. Diese Leute haben sich kaputtgemacht." Dazu kam die seelische Not. Die überwiegende Mehrheit war unschuldig eingesperrt, ohne rechtsstaatliche Verfahren, aufgrund von Willkürakten eines terroristischen Besatzungsregimes und einer bürokratisch-repressiv agierenden Verwaltung der Volkspolizei. Schon ein offener Knopf oder Unterhaltungen während des Hofgangs wurden mit Stehkarzer geahndet, stundenlang eingesperrt in einer dunklen, 40 cm tiefen Kammer. Denunziation führte zu Einzelhaft. Kempowski erlitt sie im Dezember 1953 unter dem Vorwurf, eine christliche Untergrundgruppe gegründet zu haben. Kalfaktoren führten ein rigides Regiment. Appellationsinstanzen gab es nicht, ebensowenig Aussicht auf vorzeitige Entlassung. Arbeit erhielten die wenigsten und oft nur für kurze Zeit. So war Kempowski von März bis November 1953 als Schreiber in der Sattlerei beschäftigt.
   Seine Strafzeit hätte bis 1973 dauern sollen. Dann wäre er 44 Jahre alt gewesen. Besuch erhielt er nicht. Briefe waren erst ab 1949 erlaubt, trafen nur spärlich ein, wurden zensiert oder aus disziplinarischen Gründen auch zurückgehalten. Für viele Häftlinge war die Trennung von Ehefrauen und Freundinnen oft verbunden mit Ungewißheit. Und manch einer erhielt dann den berühmten Brief: "Du hast es ja auch schon geahnt ..." - Scheidung. Eine spezifische Gefängniserotik kam auf, wie sie auch aus Kadettenanstalten und Internaten bekannt ist, schwärmerische Freundschaften bis hin zu temporärer Homosexualität. Suche nach Beschäftigung, sticken, nähen, Schach spielen, nach geistiger Anregung bei kulturellen Unternehmungen, war die eine Seite, manchmal steigerte sie sich zu pathologischer Hyperaktivität bis hin zum Zusammenbruch. Die andere bestand aus Leiden, Verzweiflung, Resignation, Depression, Krankheit, Tod. Mancher beging Selbstmord. Nur wenige versuchten den Ausbruch. Bei zwei Fluchtversuchen in den Jahren 1952 und 1953 wurden drei Häftlinge erschossen. Kempowski quälte sich zusätzlich mit der Schuld, das Leiden seiner Mutter verursacht zu haben. "Dies sind die dunkelsten Stunden meines Lebens", schrieb er später. Am 6. Juli 1949, wenige Tage nachdem er die Nachricht von ihrer Inhaftierung erhalten hatte, schrieb er an seine Schwester: "Ich glaube, Ihr könnt Euch denken, was in mir vorgeht, wenn ich an Mutter denke. Richtet nicht! (...) Gebe Gott, daß wir Mutter ein Leben schaffen können, das alles Bisherige vergessen läßt. Wie werde ich arbeiten, das zu erreichen!" Mittlerweile hält er es für fraglich, ob seine im Wasserkarzer erpreßten Aussagen tatsächlich der Grund ihrer Verhaftung waren. Er sieht eher den Besuch eines amerikanischen Agenten kurz nach seiner Verhaftung sowie ihre Reise nach West-Berlin im September 1948 als auslösende Momente an. "Daß ich mich schuldig fühle, ist eine ganz andere Sache." Seine Verantwortung versteht er metaphysisch: "Die Tatsache bleibt, daß ich ja gesagt habe, ja, meine Mutter hat davon gewußt, auch wenn die Entscheidung über ihr Schicksal zu diesem Zeitpunkt längst gefallen war."
   Er brach mehrfach zusammen. Im September 1949 wurde er mit hohem Fieber ins Lazarett eingeliefert, Verdacht auf TBC Er wog nur noch 45 Kilo. Im Herbst 1953 versagte der Magen vor Erschöpfung durch das jahrelange karge und schlechte Essen.

<< 1 | 2 | 3 >>

 

© Verlagsgruppe Random House GmbH | Impressum | Datenschutzerklärung