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LESEPROBE

Ab 1952 gab ihm der Kirchenchor Halt, dem er mit Unterbrechungen bis zur Entlassung angehörte. Etwa 50 Männer lebten in einer Art klösterlicher Gemeinschaft in einer Doppelzelle, West 4: Studenten, Lehrer, Pastoren, die gemeinsam aßen, schliefen, Noten kopierten, Lieder einstudierten. Der Chor wurde gefördert von Hans-Joachim Mund, Kirchenreferent im ZK der SED und im Auftrag der Volkspolizei als hauptamtlicher Gefangenenseelsorger zuständig für alle neun politischen Strafanstalten in der DDR. "Ich faßte zu Hans-Joachim Mund sofort Vertrauen, und es entwickelte sich darüber hinaus Zuneigung, ja ein besonderes Freundschaftsverhältnis. Die herzliche Atmosphäre, in der er das Gespräch führte, zog mich an, und die Strenge imponierte mir, mit der er vorging, den Häftling auf sich selbst zurückzuführen und ihn abzubringen von weinerlicher Allerweltsanklagerei." Mund konnte ihm auch Grüße von seiner Mutter aus Hoheneck übermitteln.
   Durch diese Begegnung wandelte sich Kempowskis Haltung gegenüber seinem Schicksal. Er akzeptierte es, eine Voraussetzung für seinen Wiederaufstieg aus eigener Kraft. "Ich dachte: Wir tun hier stellvertretend Buße für die, die sie nicht geschnappt haben, und für das Unrecht, das wir Deutschen begangen haben."
   Als man im Januar 1954 mit der Mehrheit der Sänger auch den Chorleiter entließ, wurde Kempowski "Kommandoleiter Kirchenchor", im Alter von 24 Jahren - eine Aufgabe, die ihn nach den Jahren des Wartens und Bildens fesselte und herausforderte, die ihm einen Sinn für sein weiteres Leben gab. "Erst mit der Chorarbeit 1954 fing ich mich wieder. Da merkte ich, daß es Gebiete gibt, auf denen ich etwas leisten kann." Aufgestaute Energie und der Schmerz, zurückgeblieben zu sein, trieben ihn an. Die Arbeit verstand er künstlerisch: "Wir waren kein Männergesangsverein." Zuerst einmal setzte er durch, daß der Chor wieder aufgefüllt wurde. Er ging mit der Stimmgabel in der Hand und begleitet von einem Wachtmeister von Zelle zu Zelle und ließ Häftlinge vorsingen. "Manchen habe ich so aus dem Zellendasein erlöst." Der Chor sang Motetten, Kantaten, Chorale, ganze Messen von Bach, Palestrina, Gluck, Schütz, Distler, eingerichtet von Kempowski, der auch selbst komponierte, und unterstützt von einem kleinen Streichorchester. "Ich lag dann abends oben auf meiner Pritsche, das Bett gegenüber mit Noten bedeckt, und studierte im Schein der Feuerzone Partituren von Pepping." In dieser letzten Zeit seiner Haft schrieb er auf Toilettenpapier ein Jamben-Epos mit dem Titel "Die schwarzen Vögel", das er seinen Zellengenossen vorlas: die Geschichte eines einsamen Mannes in einer mittelalterlichen Stadt, in der die Pest wütet.
   In der klösterlichen Abgeschiedenheit der Kirchenchorzelle war sein späteres Leben schon in nuce angelegt: Studien treiben, künstlerische Betätigung, suchen nach Ausdruck, um die Ergebnisse der Welt zu präsentieren, den Menschen zurückgeben, was man von ihnen empfing. Wenn der Chor am Sonntagvormittag in der Kirche Choräle sang, war das Erbauung und Unterhaltung zugleich, eine Annäherung an geistige Regionen mittels der Sinne. Es war seine Absicht, schreibt Kempowski im Tagebuch, "den dreißig Leuten eine lohnende Beschäftigung zu bieten, den sogenannten Kirchgängern ein bißchen Freude und absolut gesehen das Fähnchen hochzuhalten. Es hatte auch eine kultische Bedeutung". Daß in dem Lied "Von Gott will ich nicht lassen ... Errett't von Sünd' und Schanden, von Ketten und von Banden" auch Widerstand steckte, begriff die Volkspolizei durchaus.
   In der Musik begegnete er auch der Religion. Kempowski fühlte sich besonders vom mystischen Charakter des Katholizismus angezogen - vorbereitet durch seinen Freund Hans-Ulrich Rüther, mit dem er in Rostock die Heilige Messe besucht hatte, und vertieft durch intensives Bibelstudium in den Jahren auf dem Saal. Auch gehörten Werke von Adolf von Harnack, Julius Wellhausen und Ernst Troeltsch zu seiner Lektüre. In der Kirchenchorzelle las er Romano Guardinis "Heilige Zeichen", über katholische Riten und Symbole: Kreuzzeichen, Knien, Kerze, Weihwasser, Weihrauch.
   Der Wunsch, sich selbst aufzuheben in einer Jahrtausende alten, noch immer lebendigen Tradition, regte sich in Kempowski. Er begriff das Christentum als Kulturgrund des Abendlandes.
   Auch die hochkirchlich-katholisierende Richtung des evangelischen Pfarrers Mund beförderte ein Gespräch. "Die Gottesdienste, die Hans-Joachim Mund in der Anstaltskirche hielt, waren ungewöhnlich. An die Predigten erinnere ich mich zum Teil noch wörtlich. Seine Neigung zur Feierlichkeit kam meinen Vorstellungen von Gottesdienst entgegen." Eine gewisse Affinität zu manchen Elementen des Katholizismus ist stets geblieben, etwa für die Meßordnung als Form für religiöse Inhalte. Ein persönliches Verhältnis zu Gott suchte er damals indes nicht. Weder betete er, noch hielt er stille Zwiesprache. "Von da kam keine Hilfe. Im Gesang fand ich sie, in der Manifestation des Glaubens durch Wort und Lied, in der Musik."

Die Zeit der Haft ist das Zentrum, um das Kempowskis Leben als Pädagoge, Schriftsteller und Archivar bis heute kreist. Eine symbolische Erfahrung: Der Sohn aus gutem Hause, kriminalisiert, ausgestoßen, besann sich am tiefsten Punkt und strebte fortan danach, das von ihm Zerstörte wiederherzustellen, durch seine Arbeit wieder in die Gesellschaft aufgenommen zu werden. Dankbarkeit gegenüber den Bautzener "Lehrern", die ihm die Richtung wiesen, und das Gefühl einer pädagogischen Verantwortung leiteten ihn, das Erfahrene an künftige Generationen weiterzugeben.
   Die habituelle, im Zitat erstarrte Bürgerlichkeit seiner Eltern wurde hier gewandelt und wies in die Zukunft. Bildung und Kultur erlebte er nicht mehr als überkommenes Erbe, sondern als selbst erarbeitet, unter schwersten Bedingungen, als existentielles Bedürfnis, das Überleben im geistigen Raum gewährleistet und einen höheren Lebenszweck eröffnet.
   Bautzen disziplinierte den Bürgersohn, der sich jahrelang herumgetrieben hatte, Bautzen traumatisierte ihn aber auch. Das Ausmaß ist schwer zu beurteilen. Das Hafterlebnis ist jedenfalls immer präsent. Durch Träume und Ähnlichkeiten wird Kempowski damit konfrontiert - Auslöser für Gespräche, Tagebuchnotizen, literarische Verarbeitung. Am 30. Mai 1993 notierte er: "Verhaftungstraum. Ich hätte mir ja denken können, daß die Russen nichts vergessen. Eben noch amüsiere ich mich über einen Zivilrussen, der seine Hose zwecks Schonung der Bügelfalte verkehrt rum angezogen hat - seine Zahnprothese hat er richtig rum im Mund -, da werde ich von hinten gepackt und ins Auto geschoben. Aber da fällt mir ein, daß ich ja schon gesessen habe deswegen, und der Spuk verfliegt."
   Kempowski nennt die Reaktionen ungewollten Wiedererlebens selbstironisch die "Bautzen-Macke". Die Psychologie spricht von posttraumatischen Belastungsstörungen. Die Haft ehemaliger politischer Gefangener in der DDR gilt nach einer UN-Konvention als psychologische Folter, die zu psychischen Störungen führen kann.

Im Juni 1955 wurde Kempowskis Haftstrafe auf acht Jahre herabgesetzt. Er war in die Operative Abteilung geführt worden, wo ihn der gefürchtete Hauptwachtmeister fragte: "Na, Kempowski, wie lange wollen Sie denn noch hier bleiben?" - "Ich habe ja 25 Jahre." - "Und freiwillig?" - "Zehn Jahre insgesamt, das halte ich noch durch." - "Da kann ich Ihnen eine schöne Mitteilung machen, Ihre Haft ist auf acht Jahre reduziert. Sie können schon in acht Monaten nach Hause." Der Präsident der DDR, Wilhelm Pieck, hatte einen allgemeinen Gnadenerweis verfügt, unter den auch Kempowski fiel. Seine Mutter war bereits im Januar 1954 freigekommen und nach kurzem Aufenthalt in Rostock nach Hamburg ausgereist.
   Wenige Wochen vor seiner Entlassung brach Kempowski zusammen. Körper und Psyche kapitulierten vor dem ständigen Hunger, der Angst vor der Volkspolizei, der Unfreiheit. Der innere Widerstand war im achten Jahr erlahmt. "Ich war fertig, ich konnte nicht mehr." Er wurde im Lazarett gepflegt, kam allmählich zu Kräften. Hier lernte er auch einen Brief an die SPD in Bonn auswendig, Satz für Satz, eine Art Hilfeschrei der inhaftierten Genossen, den er bestellen sollte. Die letzten Tage in Bautzen verbrachte er in der Entlassungszelle, wo er sich in die Lektüre von Arnold Zweigs "Verklungene Tage" versenkte. Am frühen Morgen des 7. März 1956 händigte man ihm seine Zivilkleidung aus - einen Pullover und eine Joppe -, das Foto seiner Mutter, eine Stimmgabel und zwei Notenblätter. Um 6.26 Uhr passierte er die Torwache, um 6.43 Uhr fuhr der Zug ab, Richtung Westdeutschland. Von seinem Bruder hatte er sich nicht verabschieden können. Um 17.15 Uhr telegrafierte er aus Wittenberge an seine Mutter: "ICH BIN FREI." In der Nacht kam er in Hamburg an - ein Wiedersehen nach acht Jahren.

Textauszug aus
Dirk Hempel: Walter Kempowski - Eine bürgerliche Biographie

 

Dirk Hempel, geboren 1965 in Cuxhaven, studierte Germanistik und Theaterwissenschaften in München, Promotion 1994. Hempel ist langjähriger Mitarbeiter von Walter Kempowski u. a. bei dem Echolot-Projekt, daneben ist er an der germanistischen Fakultät der Universität Hamburg tätig. Dirk Hempel lebt in Hamburg.

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