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Walter Kempowski

Im Block


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Wie kaum ein Schriftstellerleben ist die Biographie Walter Kempowskis von der Geschichte der beiden deutschen Staaten geprägt. Seine Erzählung "Im Block" ist die unbestechliche Momentaufnahme einer Zwangsgemeinschaft am Rande der Gesellschaft.

LESEPROBE

Vor dem großen gelben Zuchthaus lagerten wir unter Apfelbäumen. Eine Wand von kleinen Fenstern: der große Zellenbau. Auf den Giebeln wilhelminische Zinnen. Die Anstalt sei um die Jahrhundertwende als Militärgefängnis errichtet worden, sagte einer der Bauräte. Durch die Alleen der gepflegten Anlagen trotteten wohlgenährte Häftlinge mit Axt und Säge. Würde man hier ein Handwerk erlernen können?
   Lange warteten wir auf Einlaß. Und lange würde es dauern, bis wir wieder rauskämen. Die Rostocker fragten sich die Knochen des Schädels ab. Endlich durften wir hinein. Mann für Mann zwängten wir uns durch die enge Pforte. Name, Strafmaß, Beruf. Alle Kleidungsstücke angeben, hier geht's ordentlich zu. Ein spitzbärtiger Kalfaktor stieg über uns hinweg. Er verlangte Gold. Kamerad Mohrmann kriegte seinen Ehering nicht ab, er bezog Ohrfeigen und Tritte.
   "Das kriegt ihr doch alles wieder!"
   Ein anderer Kalfaktor raunte uns zu, wir sollten nach der Registrierung der Sachen nichts mehr verschenken. Wenn uns später was fehlte, gäb's Karzer.
   "Halt die Fresse!" schrie der Spitzbart.
   Ein Arzt mit Schmissen auf der Backe nahm uns zwischen die Beine. Befühlte die Arme und kniff uns ins Gesäß. Forsch fragten die Rostocker, ob es für sie als Medizin-Studenten hier nichts zu tun gebe.
   Schwanz heben wegen Läuse.
   Nein, hier gebe es nichts zu tun, sagte er.

Das Portal der vorgelagerten Anstaltskirche war gleichzeitig der Haupeingang des Zuchthauses. Schwerfällig schwankten wir hinüber. Wir dachten: Wundervoll! Nun stehen wir gleich in der Kirche! Aber die Kirche lag im ersten Stock. Unter der Kirche lagen die Büroraume der Verwaltung.
   Wie Schaufensterpuppen standen die Posten an der Zentrale. Grinsende Kalfaktoren daneben, irgendwie schadenfroh, in schicken weißen Hosen und mit langen Haaren. Sie machten die Russen auf einzelne von uns aufmerksam: Guck mal den da ... Ein Blick in die fünf Stock hohe Zellenhalle. Ein gußeisernes Kloster?
   Über schmale Eisentreppen ging es ganz nach oben: "Beeilung! Beeilung!" Wir kamen allesamt in eine große, leere Zelle. Die Rostocker wuschen sich den Hintern, die hatten's mit der Hygiene. Wann wir endlich was zu essen kriegten, fragten sie die Kalfaktoren. Wir hätten ja Transportverpflegung bekommen, sagten die, hier würden wir noch gar nicht geführt. "Immer langsam mit die jungen Pferde." Und dann lachten sie wieder so schadenfroh.
   Dann kamen sechs, acht Russen herein, gingen zwischen uns hin und her und guckten uns an. Wo wir im Krieg gewesen seien, wollten sie wissen. Die Kalfaktoren an der Tür lachten. Plötzlich rissen sie sich die Koppel herunter und schlugen auf uns ein. Obwohl wir durcheinanderliefen, ging es sehr ruhig zu. Einen ledernen Bauern, der nicht ganz richtig im Kopf war, nahmen sie sich gesondert vor. Er lag am Boden. Im Takt droschen sie ihn wie eine Garbe aus. Einer der Posten lutschte am Finger, als er die Zelle verließ. Das war wohl der "Willkomm" gewesen, die Kalfaktoren hatten das natürlich gewusst.
   In dieser großen Zelle lagen wir vierzehn Tage. Von hier oben aus hatten wir eine weite Aussicht: in der Feme die Spree mit der gesprengten Autobahnbrücke. Auf dem Hof standen schöne Kastanienbäume, Essenträger mit Holzkübeln an einer Stange kamen aus der dampfenden Küche. Jetzt traten die Spaziergänger heraus, Hunderte, in Achterreihen, alle untergehakt. Wir Neuen durften nicht Spazierengehen, wir seien in Quarantäne, sagten die Kalfaktoren. Die Rostocker repetierten Handwurzelknochen, die ändern stritten sich.

Ungeachtet der Quarantäne wurden wir fortwährend besichtigt und immer wieder aufgeschrieben. Ein Ingenieur aus Aurich zeichnete unsere Wäsche mit einem Bleistiftstummel. Die Wäschesticker, ein Spezialkommando, stickten die Nummern aus, damit wir unsere Unterhosen nach dem Waschen auch immer schön wiederkriegten.
    Mein Nebenmann sagte: "Nummer W 612?" Das war ein guter Titel für einen Knastbericht.
   Ein alter Häftling kam mit einem dicken Buch. Er trug einen Knickerbocker-Anzug. In dieses Buch wurden wir wieder einmal eingetragen. Name, Vorname, Strafmaß. Die Spalte: "Entlassung", blieb frei. "Was habt ihr für eine schöne Zelle", sagte er.
   Ich fragte nach Arbeit. Er schüttelte den Kopf. Nein, Arbeit gäbe es nicht, nur Minderbestrafte dürften arbeiten, Grenzübertritt und Waffenbesitz und solche Sachen. Und die Internierten.
   "Die Internierten?"
   "Na, die Nazis. Die sind nur interniert, die haben kein Urteil."
   "Und du?"
   "Ich helf hier nur ein bisserl aus."
   Am andern Tag erfuhren wir, daß das der Lager-Kommandant gewesen war. Er saß schon fünfzehn Jahre. In der Weimarer Republik war er wegen irgendeiner Femegeschichte eingesperrt worden, die Nazis hatten ihn sitzenlassen, und die Russen hatten ihn 1945 gleich übernommen.

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