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LESEPROBE

Die Verpflegung kam uns reichlich vor. Morgens ¾ Liter Graupensuppe, mittags 1 Liter Gemüsesuppe und abends 400 g Brot und sogenannte "Produkte", abwechselnd Butter, Marmelade und Zucker. Erst mit der Zeit kriegten wir mit, daß das eben doch nicht reichte.

Nach vierzehn Tagen hieß es: Alle Sachen packen, raus!
Auf den Emporen der düsteren Zellenhalle standen Hunderte ziemlich heruntergekommene Häftlinge. Anscheinend hatte unser Trupp eine Großverlegung ausgelöst. Wir mischten uns unter sie.
Die weißbehosten Kalfaktoren wieselten die Treppe rauf und runter und brachten die Sache in Schwung: "Schnell, schnell! Beeilung!" Die Rostocker strebten fort. Ich folgte ihnen ein Stück und blieb dann irgendwo stehen.

In meiner Nähe beflüsterte sich ein Berliner Junge mit seinen Kumpels. Sie nannten ihn Jonni. Irgendeinen Vorteil wollten sie wahrnehmen.
Tief unten auf der untersten Etage tänzelten weißbehoste Kalfaktoren herum.
"Ruhe! Keine Gespräche!"

Wir wurden irgendwie gemixt und in einen Fächer offenstehender Zellen getrieben. Abbremsen! Nur nicht mit dem Schrankenwärter aus Pritzier zusammengeraten!
"Ein Mann noch!" rief der Kalfaktor, packte mich und schob mich in eine Zelle. Es war die Nummer einunddreißig.

Gestank von Verwesung und Klo.
Neben dem Fenster, das mit Blech verblendet war, hing ein Wandregal mit Maßen aus Aluminium zum Verteilen der "Produkte", je nachdem, was es gerade gab, Butter, Zucker oder Marmelade. Links ein hochklappbares, eisernes Wandbett. Ein Tisch mit drei Schemeln, rechts eine dreistöckige Holzpritsche. Der oberste Platz war noch frei, ich schwang mein Bündel hinauf.

"Kehr’s!" hörte ich einen sagen. "Macht erst mal das Fenster auf!"
"Ich heiße Helm", sagte er, "ich bin Westfale." Er reichte mir die Hand. "Helm Feghelm." Deutscher Adler.
Er fand es fein, daß ich aus Mecklenburg war. Das letzte Land, das dem Rheinbund beigetreten sei.
Auch die andern beiden stellten sich vor. Hermann und Paul. SS-Mann und Gelegenheitsarbeiter, beide aus Berlin.

Helm stieg auf den Tisch. "Kehr’s, wir können die Uhr sehen.
"Er untersuchte die Zellenlappen, warf sie in den Kübel; in dem schwamm alter Kot.

Während Helm die Zelle unter Wasser setzte, zog ich ein frisches Laken über den bewichsten Strohsack.
"Siebenundvierzig lagen wir noch auf blanken Brettern", sagte Helm, knöpfte seine Hose auf und wies auf braune Stellen an der Hüfte.
Dann ging er an den Kübel und pißte wie ein Pferd hinein.
"Kommt schnell noch mal ran", sagte er, "gleich geht der Kübel raus. Aber bespritzt mir nicht meine Decke."

Drei Seiten eines zerrissenen Lexikons lagen in der Ecke: Klopapier. Ich erwischte das Stichwort "Orden".
"... Gemeinschaft von Personen, die sich einer weltanschaulich begründeten Lebensform unterworfen haben ..."
Auf der Rückseite Teile von Mönchskutten.

Helm war Fallschirmjäger gewesen, "Paraschütist", wie er sagte. Erster Einsatz in Kreta: Fallschirme wie Blasen im Krater des Vulkans. Ritterkreuz.

Dann Finnland. Die finnischen Scharfschützen schnitten für jeden Abschuß eine Kerbe in den Kolben. Kreuz der weißen Rose.
In Rußland hing zerfetztes Gehirn im Baum. Eichenlaub. Und in Italien, da war er bald verrückt geworden. Da hatte er Läuse unterm Gips.
Ob ich pervers sei, weil ich den kleinen Finger beim Trinken so abspreizte.

Die Russen kriegten mit, daß Helm Feghelm Fallschirmjäger gewesen war, das machte auf sie Eindruck. Sie schlossen die Tür auf und gaben ihm Tabak. Da hatten dann sogar die Kalfaktoren Respekt.

Helm schob beim Gehen die jeweilige Hüfte vor.
Von Hohenschönhausen wußte er Grausiges zu berichten. Karzer in Röhrenform. Die Häftlinge wurden hineingeschoben wie in einen Backofen ... Zellen mit schrägem Boden, grell bemalt ... Geräuschzellen: immer dieselbe Melodie, ab und zu einen Ton höher.
Grammophonplatten mit Schmerzensschreien? Nein, davon habe er noch nie was gehört. Aber die Sache mit den Schrauben am Helm stimme.

Morgens machte er Freiübungen. Er ging dabei systematisch vor, reckte sich wie 'Der Wager' von Arno Breker. Zum Schluß arbeitete er die Gesichtsmuskeln durch: Angst vor maskenhaftem Aussehen.
Beim Bettenbauen zeigte er uns kalte Bauern riesigen Ausmaßes.

Aus Deckenstreifen schneiderte er uns Mützen. Alle vier kriegten dieselbe Bommel dran. Wir waren schließlich keine x-beliebige Zelle, wir waren Kameraden.

Die Kalfaktoren waren sogenannte Minderbestrafte: drei, fünf, acht oder zehn Jahre.
Einer ging ganz in Schwarz. Der hatte es auf mein Ami-Hemd abgesehen. Ich tauschte es gegen drei Kuhlen* Brot. Ein Hemd, das nur aus Flicken bestand, warf er mir zu, damit die Kartei stimmte. Die andern besaßen nichts mehr zum Tauschen.
Helm gab sich ein festes Auftreten und eine markige Stimme, wenn er mit den Kalfaktoren sprach. Leider kam er nie so recht zum Zuge, sie hatten es nämlich immer furchtbar eilig, öffneten die Tür kaum einen Spalt und hauten sie gleich wieder zu. Sein Ruhm als Paraschütist verblaßte.

Ich hätte so feingliedrige Finger, sagte er.
Ein Kamerad habe ihm mal geschenkt, daß er sich mit dessen Zahnbürste die Zähne putzen durfte.
Durch meine Zahnbürste war ich von besserem Stand. Auch das Kopfkissen verschaffte mir Respekt.

Vier Mann ein Brot, war die Devise. Duftendes Landbrot. Unbequem zu teilen.
Wir kippten es über die Tischkante und ritzten es unten an. Helm zersägte es mit einem Draht und wog die einzelnen Kuhlen mit der Hand aus. Dabei berücksichtigte er, daß der linke Arm schwächer als der rechte sei.

* Kuhlen (Rotwelsch) = Brotportionen

Textauszug aus
Walter Kempowski: Im Block

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