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Dirk Hempel:

Walter Kempowski
Eine bürgerliche Biographie



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Der Lebensweg des Schriftstellers Walter Kempowski ist exemplarisch für die wechselvolle Geschichte des deutschen Bürgertums im 20. Jahrhundert. Mit dieser Biographie werden Leben und Werk des großen deutschen Chronisten erstmals im Zusammenhang dargestellt. Dirk Hempel, langjähriger Mitarbeiter Kempowskis, schildert und dokumentiert die vier wichtigsten Lebensabschnitte des Autors: die Kindheit und Jugend in Rostock, die Inhaftierung in Bautzen, die Tätigkeit als Pädagoge und die schriftstellerische Arbeit Kempowskis.

 

LESEPROBE

Bautzen
Bautzen war ein Segen für mich.

Kempowski wurde in den Keller einer Villa in der John-Brinkmann-Straße gesperrt, die der sowjetische Geheimdienst als Gefängnis nutzte. Seinen Bruder Robert verhaftete man am selben Morgen. Sie waren denunziert worden. Nach einigen Tagen transportierte man sie nach Schwerin in das MWD-Gefängnis an der Demmlerstraße. Es folgten Einzelhaft und nächtliche Verhöre. "Nach vier Wochen wurde ich nicht mehr 'geholt', da hatte ich das Schlimmste überstanden, dies nächtliche Sitzen vor dem Schreibtisch, der gutartige Dolmetscher, Tabakkrümel mit der Hand zusammenfegend. Und der Untersuchungsrichter, bevor er begann, heftete er mit Reißzwecken ein Blatt Papier auf den Schreibtisch."
   Seine Mutter blieb unterdessen ohne Nachricht, die deutsche Kriminalpolizei schwieg, auf der sowjetischen Kommandantur ließ man sie nicht vor, in der John-Brinkmann-Straße wurde sie verjagt. Am 28. September 1948 holten sie die Russen ab. Da waren ihre Söhne schon in Bautzen, nachdem sie das zentrale sowjetische Militärtribunal zu 25 Jahren Arbeitslager verurteilt hatte, wegen Spionage, antisowjetischer Hetze, illegalen Grenzübertritts und Gruppenbildung. Die Russen wußten Bescheid über die Frachtbriefe, Kempowskis Zeit in Wiesbaden, auch über die Tätigkeit in der LDP, seinen Einsatz im Wahlkampf 1946, den von Arno Esch geleiteten Jugendclub. Kempowski bezeichnet das Urteil heute als "Glücksfall", denn die Hälfte der von den Militärtribunalen Verurteilten wurde in die Sowjetunion deportiert, etwa 25 000 Menschen, unter ihnen der Schriftsteller Horst Bienek. Einige hundert wurden wie Arno Esch erschossen.
   Margarethe Kempowski wurde im Januar 1949 zu zehn Jahren Zuchthaus verurteilt, wegen "Nichtanzeigens von Agenten des ausländischen Nachrichtendienstes". Nach einem Monat verlegte man sie ins ehemalige Konzentrationslager Sachsenhausen und Anfang 1950 zusammen mit mehr als 1000 Frauen und 30 Kindern in das Frauengefängnis Hoheneck bei Stollberg im Erzgebirge.
   Die bürgerliche Existenz der Familie Kempowski war zerstört, innerhalb weniger Monate entschied sich ihr Schicksal. Die Firma wurde liquidiert, die Wohnung aufgelöst, das Mobiliar versteigert. Geblieben waren nur Erinnerungen. Kempowskis Haft in Bautzen dauerte vom 6. September 1948 bis zum 7. März 1956, sein Bruder saß noch einige Monate länger.
   Das Zuchthaus Bautzen I, wegen der Klinkerfarbe "Gelbes Elend" genannt, stammte aus der Zeit nach der Jahrhundertwende. Ernst Thälmann war hier inhaftiert gewesen, bevor ihn die Nationalsozialisten in Buchenwald ermordeten. Ende der vierziger Jahre war es überwiegend mit Männern belegt, die zu hohen Strafen verurteilt worden waren. Kempowski schreibt: "In Bautzen, das war 1948, traf ich auf Sozialdemokraten, die sich der Zwangsvereinigung widersetzt hatten, und auf Ostbüro-Leute, auf Christen und auf Liberale, auf Bauern, die ihr Soll nicht erfüllt hatten, aufmüpfige Schüler und Studenten. All jene Leute saßen hier, die störten beim Aufbau (...): Saboteure, die in Aue irgendein Malheur gehabt hatten, Kaufleute, Gutsbesitzer. Es waren allein in Bautzen über 8000 Menschen, von denen in den ersten Jahren täglich welche starben, an TBC meist. Wir hatten ständig über 1000 TBC-Kranke.
   In Bautzen saßen auch sogenannte Vgmer, also Landesschützen, die Russen bewacht hatten: Nazis mit und ohne Vergangenheit."
   Im Zuchthaus war Kempowski auf sich selbst zurückgeworfen, war allein mit seinen Schuldgefühlen der Mutter gegenüber, allein mit seinen Ängsten, ob er die lange Haftzeit überstehen würde, mit seinen Sorgen, was er bei seiner Entlassung anfangen sollte. "Die 'kummervollen Nächte', als ich mir darüber klar wurde, daß ich nichts war, nichts hatte, immer älter wurde, kein Abitur, keine Lehre, nichts." In Bautzen kam er aber auch zur Ruhe, zur Besinnung nach den Jahren der Verweigerung und des Taumelns. Und am Tiefpunkt seiner Existenz zeichnete sich nach Jahren die Perspektive eines zukünftigen Lebens ab. "Das Zuchthaus war meine Universität", sagt Kempowski in Anspielung auf einen autobiographischen Roman Maxim Gorkis. Das Zusammensein mit Menschen aus allen Schichten, Berufen, Altersgruppen und Provinzen über Jahre hat ihn gebildet: "Es begann schon in der Zelle. Ich hatte ja als Bürgersohn bis dahin mit sogenannten einfachen Leuten, mit Arbeitern oder Handwerkern nichts zu tun gehabt, auch nicht mit Berlinern oder Sachsen." Ein Schuhmachergeselle berichtete von seiner Arbeitslosigkeit in den zwanziger Jahren und vom Arbeiterbildungsverein. "Er staunte Bauklötze, als er erfuhr, daß ich Oberschüler gewesen war. Ach, du hast Schule besucht … Das war ein Schock, weil mir klar wurde, wie privilegiert ich gelebt hatte."

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