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LESEPROBE

Winston Churchill 1874-1965(London)
In dem Moment, da sie am dringendsten nötig gewesen wäre, fehlte die unerläßliche politische Führung. Meister über die Geschicke der Welt, standen die Vereinigten Staaten als Sieger auf dem Schauplatz, aber ohne eine in sich geschlossene, klare Konzeption der Zukunft.

Bernard Law Montgomery 1887-1976(Nordwestdeutschland)
Ich hatte immer Berlin als das Hauptziel angesehen. Es war der politische Mittelpunkt Deutschlands, und wenn wir vor den Russen dortsein konnten, würde in den Jahren nach dem Krieg alles für uns viel leichter werden. […] Berlin ging uns schon im August 1944 verloren, als wir es nach dem Sieg in der Normandie unterließen, einen vernünftigen Operationsplan aufzustellen.

Der sowjetische General Georgij Shukow 1896-1974vor Berlin
Am 20. April […] eröffnete die weitreichende Artillerie des 79. Schützenkorps der 3. Stoßarmee das Feuer auf Berlin. Der Sturm der deutschen Hauptstadt begann.

*

Alfred Kantorowicz 1899-1979(New York)
Franklin Delano Roosevelt starb - wie Abraham Lincoln - im Bewußtsein des erkämpften Sieges. Ein schöner Tod: zu sterben am Endpunkt des Erfolges, bevor noch die Gegenkräfte zum Zuge gekommen sind, die den Sieg schänden werden, seine Früchte verwesen machen - das Schicksal Wilsons ist Roosevelt erspart geblieben. Er wird nicht mehr erleiden müssen, wie andere ihm den Frieden verderben.
Es ist ein seltsames Zusammentreffen: Roosevelt in der westlichen Hemisphäre der entscheidende Gegenspieler des rasenden Pöbelanführers aus Braunau, kam zur gleichen Zeit an die Spitze der Staatsmacht wie jener. Hitler, der Besiegte, wird den Sieger nicht lange überleben. Der wütige Hasser hat Roosevelt wahrscheinlich mehr gehaßt als irgendeinen anderen einzelnen in der Welt. Juden, Kommunisten, Intellektuelle, gegen die er sich heiser schrie, das waren Kollektive, Abstrakta gewissermaßen, Zwangsvorstellungen des Tobsüchtigen, Objekte seiner manischen Ausbrüche, aber wenn er den Namen Roosevelt aussprach, dann brach sich seine Stimme vor Haßgekreisch. Es war das Aristokratische in Roosevelt, das Helle, Strahlende, Zauberhafte, das des verlumpten Kleinbürgers dumpfige Minderwertigkeit zum Brodeln brachte.
Ich will keinen "Übermenschen" aus ihm machen, auch nicht in der Stunde der Trauer. Eher muß ich vor mir selber Ungerechtigkeiten abwägen, die sich seit Jahren in meinen Notizen finden. Ich habe bittre Worte über ihn niedergeschrieben; sie kamen aus enttäuschtem Vertrauen, enttäuschter Hoffnung. Und ich kann sie nun teilweise zurücknehmen.
Der Staatsmann, der Visionär, der geistige Führer Roosevelt hat dem Politiker, der sich im Ränkespiel des Alltags bewegen muß, allzuoft Konzessionen gemacht. Er hat geschwiegen, als er - nach Pearl Harbor und der Kriegserklärung durch Nazideutschland - die Möglichkeit gehabt hätte, mit den Freunden und Verteidigern von Nazismus und Faschismus in seinem Lande abzurechnen. Er hat den Krieg entarten lassen zu einer Polizeiaktion gegen Gangster, nach deren Niederringung seine Truppen sich als Gendarmen der Restauration einführten. Die Wohnviertel der Armen sind zerbombt worden, aber seine Sonderbotschafter überbrachten Komplimente in die Paläste der Könige, Marschälle und Industrieherren. Er hat mit französischen Faschisten in Casablanca Händedrücke getauscht - in Sichtweite der Konzentrationslager, in denen damals immer noch die überlebenden Antifaschisten mißhandelt wurden. Daß er mitunter nicht von den wohlfeilen Kümmerlingen der Tagespolitik zu unterscheiden war, machte mich zornig bis zur Ungerechtigkeit.

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Anaïs Nin 1903-1977(New York)
Frances schenkt mir einen kleinen Samthut mit schwingender Feder, der letzte Schrei. Pablo färbt die Feder um in leuchtendes Rosa. Ich trage diesen gewagten Hut, wenn wir ins Theater oder ins Ballett gehen.

Thea Sternheim 1883-1971(Paris)
Welche Pracht in den Gärten! Flieder, Goldregen, Weiss- und Rotdorn blühen. Über den Mauern hängen die heliotropenen Trauben der Clematis. Welch ein Zauber den weissblühenden Blumen innewohnt. Auf der Höhe Ausblick auf die hingebreitete Stadt. Wie viele Städte sind inzwischen zum Trümmerhaufen geworden - die Engel haben Paris beschützt.

Hans Henny Jahnn 1894-1959(Bornholm)
An seine Tante Helene Steinius
In den letzten zwei Tagen haben wir Frühlingswetter, und die Arbeit auf den Feldern geht mit aller Kraft vor sich. In dieser Woche hoffe ich, werden wir mit der Einsaat der Gerste fertig werden; dann folgen Hafer und Rüben. Inzwischen werden wohl weitere drei Füllen bei uns ankommen und hoffentlich auch einige Kälber.

Eberhard Fechner 1926-1992Schloß Waldeck
Am 20. April 1945 lag ich im Schloß Waldeck in der Barockbibliothek, als Gefreiter, verwundet. Wir waren vom Amerikaner gefangengenommen und dort untergebracht worden. Die Tür geht auf, und drei deutsche Führungsoffiziere kommen rein, grüßen und halten eine Geburtstagsfeier für den Führer. Mit deutschem Gruß! Und wir lagen da mit sechs Mann, und ich dachte, ich bin verrückt geworden. Amerikaner gestatteten deutschen Offizieren, eine Geburtstagsfeier für Hitler zu machen. Und ich lag im Bett, mit Steckschüssen im Bein und hab' nicht opponiert, sondern hab' den Arm gehoben und dachte, ich bin verrückt.

Der Hauptmann Fritz Farnbacher *1914 Bohnsack bei Danzig
10 Uhr Offiziersversammlung des ganzen Regiments zur Feier des Führergeburtstages. Erst kurze Gedenkrede für Herbert K., dann Pathétique, vom Doktor gespielt, dann verschiedene Sprecher, ein Chor, das Kaiserquartett von Haydn, Führerehrung und schließlich Brötchen und Alkohol, der seine Wirkung nicht verfehlt; aber schließlich wird noch 20 Minuten gute Musik vom Regimentskommandeur befohlen, die ich mit 2 Bachchorälen abschließen muß.

Günter Cords *1928Antiesenhofen/Österreich
Führers Geburtstag. Auf dem Dorfplatz traten wir, durch dickbäuchige Linden gegen Fliegersicht gedeckt, zur Feier an. Von unseren Märschen angelockt, standen anderthalb Dutzend Kinder um uns herum, während ihre Eltern feige durch die Gardinen schauten. Kurz vor Schluß der Ansprache verschwanden selbst die Gören. Dafür erschienen Jabos und beendeten die Feier, bevor wir das Deutschlandlied blasen konnten.

Der Volkssturmmann Fritz Steffen 1893-1979Stettin
Am 20.4.45, 19 Uhr müssen wir zur "Feier des Geburtstages des Führers" im Kasino des Landeshauses erscheinen. Ein Kreisleiter redet über den Endsieg! Die spendierte Flasche Rotwein und die kleine Portion Schinken und Wurst mit Brot haben uns nicht vom Sieg überzeugen können.

Dieter Borkowski 1928-2000Berlin-Kreuzberg
Die meisten Parteigenossen saßen oder lagen auf dem Rinnstein; sie waren betrunken. Der Ortsgruppenleiter hatte alkoholische Beuteware verteilt. Er, selbst noch ein ganz junger Mann, stand dann käsebleich vor den alten Kämpfern des Führers, die sich kaum erheben konnten und teilweise bekotzte Uniformen hatten. "Kameraden, die Stunde der Bewährung hat geschlagen! Ihr werdet an der Reichskanzlei eingesetzt und unseren geliebten Führer retten." […] Wir setzten uns schließlich in Marsch, um über Blücherstraße zum Halleschen Tor und dann in die Wilhelmstraße zu marschieren.

*

Der norwegische Journalist Theo Findahl 1891-1976 (Berlin-Dahlem)
Als ich gegen halb ein Uhr zum Hotel Adlon hinüberkomme, schlagen die Geschosse der russischen Artillerie mit Poltern und Getöse vor dem Eingang zu den Linden ein. Im Speisesaal sind die wenigen Gäste überwältigt von der Bereitwilligkeit der Kellner, den Wein in Strömen auszuschenken, sonst heißt seit langem die Regel: ein Glas pro Kopf. Nun ja, lieber die letzten Gäste bezahlen lassen, als alles den Russen geben. […]
Goebbels' Stimme ist in Berlin schon lange ziemlich ausgeschrien gewesen. Er hat nicht mehr den gleichen Griff um sein Publikum wie früher, und es herrscht der Glaube unter den ausländischen Journalisten in Berlin, daß es zu einer ernsthaften Schlacht um die deutsche Hauptstadt nicht kommen werde. Die Barrikaden, aus Pflastersteinen errichtet und mit allem möglichen Gerümpel, verrosteten Autos und Badewannen verstärkt, wirken nicht imponierend, und wir können uns nicht vorstellen, daß sie ein ernsthaftes Hindernis für Stalins große Panzerwagen sein werden. In zwei, drei Tagen wird es vorüber sein, sagen wir. Alle haben wir aus den verschiedensten Richtungen gehört, daß der Volkssturm nicht kämpfen wird, und die Kommunisten werden die Russen natürlich als Befreier begrüßen. Nur einzelne schütteln ihre klugen Köpfe und sagen, die Raserei der roten Armee werde deutsche Verzweiflung auslösen, so daß die Hitze der Schlacht selber einen Riesenbrand entfachen werde. Die Schlacht um Berlin kann sogar furchtbar werden, sagen sie, seid keine Toren, sondern flüchtet, solange es noch an der Zeit ist. Denkt daran, die rote Armee hat die beste Artillerie der Welt. Die Russen haben an die tausend Kanonen auf einen Kilometer, eine Kanone auf den Meter - Trommelfeuer. Es ist so, daß man meint, die Erde solle untergehen.
Im Presseklub am Leipziger Platz ist die Auflösung vollständig. Die Arbeitszimmer sind ein Chaos von Papier, Glasscherben, Stühlen und Tischen, holterdipolter durcheinander, alles unter einem Geriesel von Kalkstaub. Keine Telephonwache. Keine Zensur. Alles fließt. Es sieht aus, als habe jeglicher Pressedienst von Berlin aus aufgehört. Die Servierfräuleins pressen sich jedesmal, wenn die Kanonen dröhnen, auf den Treppen aneinander. Essen ist nicht zu bekommen. Auch die Bar ist geschlossen. Die allermeisten Berichterstatter sind geflohen. Schon jetzt muß man Berlin als eine belagerte Stadt ansprechen; die Russen haben, soviel wir wissen, die wichtigsten Ausfallstore unter ihrer Kontrolle. Wie durch ein Wunder kommen die telephonischen Anrufe aus Stockholm und Kopenhagen durch, und einzelne Glückliche haben Gelegenheit, sensationelle Telegramme nach Hause zu schicken - an die Zensur kehrt sich keiner, alles ist ja in Auflösung. Hört, hört, sagen sie am Schluß, hört den Kanonendonner in Berlin! Wir hören, wir hören, sagen erregte Stimmen aus Stockholm und Kopenhagen.
Als ich gegen halb ein Uhr zum Hotel Adlon hinüberkomme, schlagen die Geschosse der russischen Artillerie mit Poltern und Getöse vor dem Eingang zu den Linden ein. Im Speisesaal sind die wenigen Gäste überwältigt von der Bereitwilligkeit der Kellner, den Wein in Strömen auszuschenken, sonst heißt seit langem die Regel: ein Glas pro Kopf. Nur ja, lieber die letzten Gäste bezahlen lassen, als alles den Russen geben.

Textauszug aus
Walter Kempowski: Das Echolot - Abgesang '45
Ein kollektives Tagebuch


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