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Walter Kempowski

Culpa

Notizen zum "Echolot"


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Walter Kempowski hat den Prozeß der Entstehung von "Echolot" von der ersten Idee an über vielerlei Anfechtungen und Krisen hinweg bis zur Publikation in seinen Tagebüchern genau protokolliert. Seine Aufzeichnungen, niedergelegt in "Culpa", gestatten einen intimen Einblick in die Werkstatt des Schriftstellers, zeugen aber auch vom Mut, mit dem er sich allen Widerständen zum Trotz behauptete. Sein großes Ziel hat der Autor daher nie aus den Augen verloren.

 

LESEPROBE

1978

14.3.1978
Gedanke, ein Archiv für ungedruckte Biographien aufzumachen.

19.3.1978
Brief an KF
Hier habe ich nun eine neue Idee, die ich irgendwann einmal angehen will. Ein Archiv für ungedruckte Lebenserinnerungen. Ungezählte Leute haben ihre Biographie geschrieben, die liegen in den Schränken herum. Man müßte diese auf Büchsen gezogene Erfahrung speichern und der Gesellschaft nutzbar machen. Ich stelle mir das so vor, daß man hier auf unserm Grundstück ein extra Gebäude dafür baut und dort die vielen, wahrscheinlich tausende Biographien archiviert. Man kann sie auswerten und Einzelveröffentlichungen starten. Und wenn Ihr keinen Job kriegt, übernehmt Ihr die Sache. Mit Knaus hab ich das schon durchgesprochen. Finanziert wird die Sache von den Biographieschreibern selbst. Jeder muß 50 Mark bezahlen. Dies ist natürlich ein Hirngespinst, aber ein echter, verwendbarer Kern ist enthalten.

16.4.1978
Ich sah heute die Abfall-Fotos durch, die hier so herumliegen, und klebte daraus drei "Bilderbögen". Gerade das Nebeneinander von Fotos, die zeitlich oder inhaltlich nichts miteinander zu tun haben, ist sehr aufregend. Morgen kaufe ich weitere Bristolbögen und stelle andere "Bilderbögen" zusammen. Die sollten in einem speziell dafür angefertigten Kasten liegen. Oder man tapeziert ein Zimmer damit. Das Arbeitszimmer.
Chaos wird künstlich hergestellt, damit sich ein Weg in den Ursprung auf tut, hier gewinnt man eine neue Ordnung. Dies ist für den nötig, der alles schon so klar vor sich sieht, daß ein Irrtum ausgeschlossen ist.

1980

1.1.1980
Gründung des Archivs für unpublizierte Autobiographien

1.1.1980
T: Merkwürdiger Traum: Ich sei als junger Pfarrer an eine verlotterte Kirche gekommen und halte die Liturgie auf Lateinisch. Nur einige wenige antworten krächzend meiner wohltönenden Stimme: Sursum corda
Als ich die Epistel verlesen will, fehlt die Bibel.

3.1.1980
Film: Syberberg, Hitler. Von der Idee gut, in einigen Passagen genial. Merkwürdig berührten in diesem, auf Vollendung angelegten Werk einige Schnitzer.
Der Gigantismus des Films ist der gigantischen Katastrophe angemessen. Der Stil nur als der eines Deutschen denkbar.

17.1.1980
Allerhand Fotos auf die Anzeige hin. Die Betrachtung einzelner Fotos mit und ohne Lupe. Man braucht gar nicht so genau hinzugucken, man erfaßt sofort den ganzen Jammer.

24.1.1980
Mit der Post kamen etwa 50 Fotos und ein Album. Alle Fotos werden mir geschenkt, meistens von Fans, es sind jetzt ca. 200 lose. Die Sammlung ist schon jetzt beachtlich, sie bekommt ihren Reiz aus der Anonymität der Abgebildeten.

25.1.1980
Aus der Schule herauszukommen: ja, wegen Austrocknung. - Und sei es in Form einer Beurlaubung. Aber die Kinder!

28.1.1980
Logische Beendigung meiner Volksschularbeit ist jetzt gegeben: 1980. Nicht nur wegen der glatten 20 Jahre, die ich hinter mich gebracht habe. Ich fühle mich ausgelaugt. Eine Entwicklung ist abgeschlossen. Unerträglich, nach der Publizierung des Schulmeister und der Fibel noch in einem Kollegium sitzen zu müssen, das ja natürlich neidisch. Zunächst Beurlaubung?

30.1.1980
Heute mittag kamen wieder Fotos. Diese Beteiligung der Bürger an meiner Arbeit (sie schicken alles kostenlos) ist etwas ganz Neues. Durch allerlei Erfahrungen dachte ich bisher zu negativ von meinen Lesern. Und die Briefe! - Hier liegt ein großes Betätigungsfeld, ich habe große Lust, damit intensiv weiterzumachen.

1.2.1980
Erschütternde Briefe, Ankauf eines 1945-Fotoalbums mit Eintragungen.

2.2.1980
Gestern beschäftigte ich mich mit Fotos, ungeahnte Funde! oder besser: Geschenke. Zwei komplette Lebensgeschichten gestern zusammengestellt aus einzelnen Fotos.

3.2.1980
Die beiden Gastdozenturen in Oldenburg und Kalifornien kommen mir grade recht. Die Einladungen sind Begründungen für eine Beurlaubung. Auf die Dauer dann die Archive, die rechtzeitig empfangen und geboren wurden. Still kamen sie und prachtvoll werden sie sich entfalten.

8.2.1980
In Amerika vielleicht über das Thema sprechen: Kurzbiografie und Schnappschuß.

1.Weshalb Fotos?
Dokumente, wie sie es vordem nicht gab.
2.Bildkommentare auf der Rückseite
3.Zusätzliche Briefmitteilungen
4.In Beziehung bringen zur "großen" Geschichte
Dadurch Zurechtrücken des Geschichtsbildes.


Hierfür muß die Bildersammlung noch wesentlich erweitert werden. Kurzbiografien sind fast wichtiger als die dicken "ungedruckten Autobiografien", die für andere Zwecke brauchbar sind. Stilisierung usw. Was die Schnappschußfotografie anbetrifft, so sind wir da jetzt in der Lage, 100 Jahre objektiv zu dokumentieren. Die Kunstfotografie (auf Rührung aus oder auf das, was man für schön hält) ist für diese Zwecke wertlos.
Das Absuchen von Bildhintergründen. Wo sind diese Leute jetzt alle?

12.2.1980
Wohl stellt sich heraus, daß die Fotosendungen oft mehr Spreu enthalten, als zu vermuten war. Man wird aus jeder Sendung nur einige wenige Stücke archivieren: Aufheben tun wir natürlich alles. Gestern die "Zeit" angerufen und die Anzeigen-Variante aufgegeben:

W. Kempowski sucht unveröffentlichte
Autobiografien für sein Archiv.

Diese Anzeige wird mit der Fotoanzeige im Wechsel erscheinen. Die. Ausbeute wird groß sein.
Rechtliche Frage, was die Auswertung anbetrifft. Hierfür einen Vordruck entwerfen. Knaus [Der Verleger Albrecht Knaus] sagt: Was wollen Sie damit?

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