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LESEPROBE

13.2.1980
In der heutigen Sendung war viel Brauchbares. Eine Familie, herrliche Menschen, drei reizende Töchter. Hier gleich wieder die Neugier: Der Mann, ein Schauspieler, verweigerte sich in der Nazizeit und machte eine Hühnerfarm auf. Auch eine Form der inneren Emigration.
Hübsche Bilder einer Schule für Gesangstechnik. - Eine andere Senderin hat bereits ihre besten Fotos für mich abfotografiert und die Rechnung beigelegt, für ihre Unkosten, 40 DM. Die Kosten halten sich bisher in Grenzen. Ich glaube nicht, daß ich bisher mehr als 1000 Mark investiert habe. Später wird man sich nur die Rosinen herauspicken.
Interpretierte Fotos. Man müßte auf den ersten Blick nichtssagende Bilder abdrucken wie ein Gedicht und sie auf der anderen Seite auf Formales hin untersuchen und auf historischen Gehalt. Sich jetzt schon Gedanken zu machen über die Nützlichkeit des Unternehmens ist sinnlos. Bisher ist es noch immer so gewesen, daß alles, was mich interessierte, eines Tages auch nützlich war.

19.2.1980
Heute mittag fand ich das neue Hörspiel vor [Moin Vaddr labt, Beethovens Fünfte. Tonkassette. Handschriften und Materialien der Hörspiele. Hamburg 1982.], hörte es mir an und war recht angetan, passagenweise erschüttert. Erstklassige Sprecher, Jacobi, Käthe Haak. Die Lieder sind etwas rasch gesungen, wodurch die Verständlichkeit leidet. - Den Text hätte ich vorher noch einmal durchsprechen sollen.
In der Post wieder Fotos.

20.2.1980
Heute früh fünf Stunden Schule. Eine Stunde Religion ("Wer nur den lieben Gott läßt walten"), zweite Stunde über Kamine, dritte Stunde über das Verkleiden von Menschen (lustig - schrecklich).
Die letzten beiden Stunden Exkursion mit der halben Klasse zur sauber gemachten St. Viti-Kirche. Schöne Sonne, kalt.
Das Archiv ist nun tipp-topp.

24.2.1980
In der Welt am Sonntag ein Bild von Eberhard Fechner + Edda Seippel beim Empfang der Goldenen Kamera. Peter Alexander wird als größter Schauspieler aller Zeiten bezeichnet. Springer hat bestellen lassen, man soll nicht vergessen, daß seit Machtantritt der Kommunisten 66 Millionen Menschen (von ihnen) ermordet wurden. Also nicht 67 Millionen? Oder 65?- Wahr ist, daß darüber viel zu wenig gesprochen wird.

Ende Februar/Anfang März:
Reise nach England und Irland

3.3.1980, Manchester
Gestern von Herrn Jolles acht lange Stunden lang an der nordirischen Küste von Felsen zu Felsen gefahren, mit Gischt und allem Zubehör. Ich dachte die ganze Zeit: O Gott, noch fünf Stunden ... Es wehte stark, aber die Sonne schien. Verfallenes Haus besichtigt, Basaltsäulen, ein winziger Hafen, Schafe mit Lämmern (die hinter ihre Mütter sprangen, und die Mütter guckten, im Kauen innehaltend, was wir da wollen). Keine Fremden, nirgends "Bungalows", dafür Straßensperren und Kontrollen. Besichtigung eines in die Luft gesprengten Hotels. Ich montierte mir einen Messinggriff ab von einer herausgeschleuderten Tür.
Jolles erzählte allerhand von seiner Kindheit unter V1-Beschüß in London. Ich regte ihn an, darüber zu schreiben. Ein angenehmer Mensch, mit dem ein weiteres Gespräch lohnte.

4.3.1980, London
Am Mittag noch schönen Spaziergang durch die Innenstadt, mit Anita
Frei.
Mit ihr dann noch bei Frau Hegewisch, der neuen "Monat"-Herausgeberin, zum "Lunch".
Vielleicht sollte man versuchsweise für ein Jahr eine Fotokolumne in dieser Zeitschrift übernehmen.
Habe auch an ein Buch gedacht, das ein Engländer über den Krieg, eine "Jugend in London", Luftangriffe usw., schreiben müßte (Jolles). Als Ergänzung zum "Tadelloser". Eine Art Partnerunternehmen, auch bei Knaus müßte es erscheinen in ähnlicher Aufmachung.

6.3.1980
Liebe Renate [Die Tochter]:
Die neue Bilderaktion ist herrlich angelaufen. Es kommen täglich mehrere Sendungen, meistens von Lesern, die mir helfen wollen. Sie denken: bloß schnell dem Kempowski Fotos schicken, sonst kann er keine Bücher mehr schreiben. - Ich habe Kästen angeschafft, in denen stehen sie säuberlich auf weißen Kartonblättern und geordnet. Es sind irrsinnige Fotos dabei und traurige. Manche Leute schenken mir auch ganze Serien von Fotoalben, etwa 50 Stück habe ich schon!

8.3.1980
Liebe Renate [Die Tochter]:
Mit der Post kam ein erstes Vorausexemplar vom "Schulmeister". [Michael Neumann: Kempowski der Schulmeister. Braunschweig 1980].
Hatte Tränen, weil es ja doch der Abschied ist.

15.3.1980
In der Schule alles sehr friedlich.
Erste Stunde, eine "grüne" Stunde. Die Kinder erzählten von ihren Eltern. Einer, daß der Vater die ganze Nacht mit dem LKW unterwegs gewesen, ein Mädchen: daß ihr Vater in der Badewanne eingeschlafen, ein anderes Mädchen, daß ihre Mutter neulich so müde gewesen sei, daß sie beim Fernsehen das Bier in den Aschenbecher statt ins Glas gegossen habe.

20.3.1980
Soeben den vielleicht letzten Schultag hinter mich gebracht, ohne Rührung und Trara. - Das Fazit wird noch zu ziehen sein. [Mit dem Wintersemester 1980 begann eine zehnjährige Lehrtätigkeit an der Universität Oldenburg.]

12.3.1980, München
Bambi-Verleihung [Für den Film "Ein Kapitel für sich"] blöd und wahnsinnig zugleich. Diese enorm kitschigen goldenen Apparate wurden auf winziger Bühne ausgegeben, hinter einem Paravent standen sie in Reih und Glied. Allerlei Prominenz klatschte und pfiff dazu. Fotografen verstellten den Blick. Letztere blitzten keineswegs sämtliche Preisträger, sondern Rudi Carrell ("Krawall" dachte ich immer) und eine brasilianische Sängerin. Dazu Rex Gildo, der gar keinen Preis bekam. Bei der Gruppenaufnahme stand ich neben Scholl-Latour, der mit mir einig war, daß dies alles schon ein Stück Untergang des Abendlandes sei. Und neben mir ein österreichischer Sportjournalist: "Ich schäme mich direkt." - Einziger Lichtblick war die Erneuerung gewisser Beziehungen und die angenehme Unterhaltung mit der Berghoff, die wirklich ein lieber Mensch ist. Hier war auch der Höllenlärm segensreich, denn Dagmar Berghoff war gezwungen, mir ins Ohr zu schreien, wodurch ich in zarteste Berührung mit ihr geriet. Um Mitternacht machten wir uns aus dem Staub.

27.3.1980
Zuvor ein Geständnis: Ich mag Autobahnen. Als ich die langen Lesereisen noch mit meinem alten AUDI machte.
Heute ist es üblich, ja geraten, auf den Straßenverkehr zu schimpfen und den Bau neuer Autobahnen zu verhindern (dort, wo sie quasi selbst in Gegenden hineinschlagen, in denen noch Vögel singen). Nachts höre ich sie, Goethes Lied an den Mond fällt mir zwar nicht ein - "fließe ... ohne Rast und Ruh" -, aber dieses von Arbeit kündende Geräusch hat auch etwas Beruhigendes an sich: wenn sie erst einmal totenstill daliegt...
Wenn sie einmal nicht mehr "brüllt", wenn Gras auf ihr wächst (wie Arno Schmidt uns das vorgeführt hat), dann wird es aus sein mit uns, dann wird sein Heulen und Zähneklappen. Dann wird es auch keine Gesellschaft mehr geben, die sie denkmalschützerisch erhält. Es wird ein paar Fahrräder geben und ein einsames Pferdefuhrwerk, das sich über das Frankfurter Kreuz quält: Holz hat es geladen.
Wer Gegenwart erkennen will, muß sie als etwas Vergangenes sehen. So wie man Vergangenheit nur dann begreift, wenn man sie sich vergegenwärtigt.
Vergleiche stellen sich ein, zur chinesischen Mauer etwa - nicht viel Monströses gibt es oder gab es auf der Welt, das sich mit ihr vergleichen läßt. Diese aber, wie man hört, völlig sinnlos, jene aber im höchsten Maße effektiv.
Ich habe immer bedauert, daß es auf deutschen Autobahnen keinen "Einlaß" gibt, wo man fünf Mark bezahlen muß. Zunächst aus vaterländischem Eigensinn, sodann aber, weil sie dort "losginge". Denn anders als andere übermenschliche Bauwerke hat die Autobahn keinen Anfang und kein Ende. Beide sind nicht erfahrbar. Die Pyramiden von Gizeh heben sich da anders ab.
Der fehlende Einlaß irritiert mich.

21.4.1980
Morgens Arbeit an den Fotos. Mit der Post kam ein Tagebuch aus dem Polenfeldzug mit Fotos. Brennende Strohhütten, ein abgestürzter Stuka. Gespräch mit Architekt über Turm.

25.4.1980
Unmäßige Forderung eines Fotoanbieters. Pro Foto will er 50 Mark haben, und für das Recht, es zu veröffentlichen, nochmals 100! (Er will 500 Fotos schicken.) Das geht natürlich nicht.

29.4.1980
Besprechung mit dem Architekten. Genauere Planung von Turm und Archivraum. Kurios ist, daß man sich mit dem Bau des Turms quasi sein eigenes Gefängnis baut. Vielleicht sollte man an eine Fluchtklappe denken. - Ich habe angeregt, daß man ihn noch einen halben Meter höher baut. Ansonsten in der ursprünglichen Planung, aber mit Tisch. (Für die kleinen Namensscheiben!)

1.5.1980
Liebe Renate!
Damit Du mal das neue Briefpapier siehst, schreib, ich Dir darauf. Es hat mir Tausende von Fotos eingebracht, Du kannst es Dir nicht vorstellen. Jeden Tag kommen ganze Stöße. Wenn es so weitergeht, dann muß ich anbauen (der Architekt war schon da). Es sind sogar schon Hitlerbilder eingesandt worden, also originale Schnappschüsse. Auch Fotoalben, jede Menge. Ich glaub', es sind bald 100 Stück. Seit 14 Tagen bin ich nun ohne Schule, Privatmann.

5.5.1980
Liebe Renate!
Die 80 zu schreiben kommt einem immer noch sehr so utopisch vor. Man hätte wieder rückwärts zählen müssen. Spätestens im Jahre 2000 sollte man es tun. Die schrecklichsten Jahreszahlen, die man dann wieder passiert, werden nicht soviel Schlimmes bringen wie die Zukunft.

7.5.1980
Eine Frau Peiler schickte interessante Fotos vom Arbeitsdienst und BDM. Dazu eine Biografie, sonderbarerweise auf Durchschlagpapier getippt. Die Kosten besseren Papiers hätten dem Anlaß doch entsprochen?

15.5.1980
Hier quellen die Fotos über, das ganze Zimmer ist schon voll. Dazu kommen noch über hundert vollständige Fotoalben. Ich stehe nun mit GEO in Verhandlung, will ihnen einen Tageskalender anbieten, auf jeder Seite eines dieser Fotos oder einen Auszug aus den sich nun schon häufenden Biografien, die sich hier ja auch ansammeln. Einen solchen Kalender müßte man dann als Periodikum herausbringen, also nicht nur auf ein Jahr. Das muß im Vertrag gleich festgemacht werden. Ich hätte dann auf Jahre hinaus zu tun.

17.5.1980
Ein Haufen Post, viele Fotos. Allmählich schält sich der "Kalender" heraus, habe gestern ein paar Blätter zusammengestellt. Nur ein Tageskalender interessiert mich. Auf den Blättern eines Wochenkalenders dominiert das Kalendarium. Auch würde durch das lange Aushängen die "Aussage" der Seite entwertet. Über GEO wird's vielleicht was.

25.5.1980
Am Nachmittag, nach wundervollem Schlaf, Fotoalben sortiert und katalogisiert. Es sind nun einhundert. Die Anzahl sollte nicht darüber hinwegtäuschen, daß der Gehalt noch ziemlich dürftig ist. Eine genauere Durchsicht wird vielleicht einige Sonderheiten zutage fördern, die sich zur Verwertung anbieten.

Textauszug aus
Walter Kempowski: Culpa


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