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Kollektive Kurskorrektur
Walter Kempowski: Echolot. Abgesang '45

Rezension von Karl Hafner

In seiner Kindheit gefragt, welchen Beruf er denn später einmal ausüben wolle, habe Walter Kempowski geantwortet: Archiv wolle er werden. Diese Geschichte erzählt zumindest Kempowskis Lektor Karl Heinz Bittel im Nachwort zu "Culpa. Notizen zum 'Echolot'". Walter Kempowski dokumentiert darin in Tagebucheinträgen den Verlauf seines Echolot-Projektes, von dem gerade mit "Abgesang '45" der letzte Band erschienen ist. Den Titel der Aufzeichnungen "Culpa" ("Schuld") erklärt Kempowski darin im Eintrag zum 28.4.1992: "Es kommt mir so vor, als müsse ich mit dem "Echolot" Schuld abtragen. Ich habe ein Klassenfoto gesehen, auf dem waren die später dann Gefallenen mit Bleistift eingekreist. Das wirkte so, als ob man sie für den Tod ausgewählt hätte."

1980 gründete Kempowski sein "Archiv für unpublizierte Autobiografien", ein paar Anzeigen in großen Zeitungen: Wer stiftet Tagebücher? Fotos und Negative gesucht (bis 1950). Die ersten Zusendungen kamen und bildeten den Ausgangspunkt für eines der beeindruckendsten Projekte der deutschen Literaturgeschichte. Nach etwa 9000 Seiten und etwa 25 Jahren Arbeit ist mit dem zehnten "Echolot"-Band Kempowskis Projekt eines kollektiven Tagebuches über den Zweiten Weltkrieg abgeschlossen. Die ersten vier Bände erschienen bereits 1993.

Vier Tage am Ende des Krieges
Unter dem Titel "Abgesang '45" werden die letzten Tage des Krieges dokumentiert. Wie in den vorangegangenen Bänden hat sich Kempowski auf solche Tage beschränkt, die aufgrund geschichtlicher Ereignisse Fixpunkte im kollektiven Gedächtnis sind. Es sind dies: der 20. April 1945 - der letzte Geburtstag Adolf Hitlers, der 25. April - der Tag, an dem sich amerikanische und sowjetische Truppen an der Elbe zum ersten Mal treffen, der 30. April - der Tag, an dem Hitler Selbstmord begeht, und zuletzt der 8./9. Mai - die Stunden, in denen Deutschland bedingungslos kapituliert. Kommentarlos stehen Ausschnitte aus privaten oder veröffentlichten Biografien, aus Tagebüchern, aus Briefen, Zeitungsberichten und Rundfunkansprachen nebeneinander.

Das Lesen ist eine fesselnde, wilde Tour durch den Zusammenbruch des Deutschen Reiches: zu einer Schlacht an der Ostfront, dann nach Berlin, wo Hitler etwas von einem "proletarisch-bolschewistischen Koloß und Moloch" faselt, nach Prag, wo eine Seminaristin, eine "goldene Stadt" und ihr schönstes Jahr erleben durfte. Ein englischer Soldat schreibt an seine Eltern aus Norddeutschland: "Neulich abend gab mir der Bursche hier, der Wild- und Geflügelhändler, Kiebitzeier zu essen. Sie waren wirklich gut. In Liebe Euer Edwin." Der Marsch des KZ Sachsenhausen: "Die Kolonnen marschieren nicht mehr, sie schieben sich nur noch vorwärts. Für die Schwachen, Zurückbleibenden ist die Frage des 'Wie enden' gelöst - Genickschuss!" Ein Arzt arbeitet in Wittstock bis zur Erschöpfung: "Auf beiden Augen blind, ein Bein amputiert, Lungenschuß mit Bluthusten und hektischem Aussehen. Eine Frau mit Armschuss. Daneben ihr Kind mit einem Rückenschuss und beginnendem Scharlach. Ein 16jähriger Südtiroler, beide Beine amputiert." Alle Erinnerungsstücke sind gleichberechtigt: Der professionelle Bericht eines Kriegsreporters steht neben den Durchhalteparolen aus der Reichskanzlei oder einer schwülstigen Postkarte, die ein Rotarmist nach Hause an seine Geliebte schickt.

Es ist ein verwirrendes Mosaik, ein Textbaukasten, in dem man sich erst einmal zurecht finden muss. Es gibt vordergündig keine andere Ordnung außer einer chronologischen. Auf was achtet man beim Lesen? Auf welche Töne hört man, um sich irgendwie orientieren zu können, inmitten unzähliger, gleichzeitig und durcheinander brabbelnder Stimmen, die alle von Krieg, Elend und Vertreibung erzählen, von Größenwahn, Haß und nationalsozialistischer Ideologie? Das Prinzip ist hier nicht Erkenntnisgewinn. Dazu sind die einzelnen Passagen zu sehr aus dem Zusammenhang genommen. Man wird als Leser schlicht und einfach überwältigt.

Verschiedene Leben zur gleichen Zeit
Prominente Schriftsteller und Künstler kommen zu Wort, etwa Thomas Mann, Cesare Pavese oder Max Beckmann, genauso wie gewöhnliche Menschen. Es spielt keine Rolle, ob sich Generalfeldmarschall Wilhelm Keitel äußert, ein unbekannter britischer Kriegsgefangener oder ein französischer SS-Mann. Es scheint, als wolle Kempowski den Zweiten Weltkrieg bis in die allerkleinsten Facetten dokumentieren und durchdringen. Keine Beobachtung, keine Äußerung erscheint zu unwichtig, um hier nicht neben hunderten anderen zu stehen.

Kempowskis Geniestreich liegt in der Anordnung der Texte. Manche Motive werden wiederholt und geben dem Buch eine musikalische Struktur. Lagebesprechungen im Führerbunker etwa oder Hitlers politisches Testament tauchen immer wieder auf, als könnten sie Refrains sein in diesem Chorus des Wahnsinns. Am 4.12.1991 schreibt Kempowski in seinen Notizen: "Es ist wahr, das Prinzip der Gleichzeitigkeit ist banal. Interessant ist es nur durch die Schattierung; die Variante, die Gegenüberstellung." Innerhalb der einzelnen Tage sind die verschiedenen Texte nach geografischen und thematischen Kriterien angeordnet. Der "Werwolf Oberbayern" warnt: "Verräter und Verbrecher am Volke büßen mit dem Leben und dem ihrer ganzen Sippe". Der nächste Abschnitt besteht aus der Aufzählung der Namen einer Familie samt Kindern und Nachbarn, die am 25. April in Kärnten von der SS ermordet wurde. Sie habe Partisanen unterstützt. Dann berichtet ein Pfarrer von einer Messe in einem abgelegen Stollen im Schwarzwald. "Über der Kommunikationsfeier lag ein tiefer Ernst, der wohl kaum mehr vergessen werden kann von denen, die sich daran beteiligten."

Banal ist: Wo ein Opfer ist, muss auch ein Täter sein. Diese Tatsache in Kempowskis Komposition zu entdecken, erschüttert dennoch. Aus dem Tag, an dem sich Amerikaner und Sowjets treffen, wird im "Echolot" der Tag, an dem der einfache Gefreite an der Front stirbt, an dem im Lager der Hunger unerträglich wird, an dem die SS exekutiert, an dem sich aber auch ein Fotoreporter über ein gelungenes Foto freut.

"Die Niederlage ist nicht zwecklos"
Erschreckend sind die Dokumente, in denen die beschriebenen Geschehnisse so gar nicht mit dem Tonfall der Schreiber zusammenpassen wollen, etwa wenn über Exzesse und Vergewaltigungen gewitzelt wird oder Hinrichtungen im möglichst sachlichem Ton beschrieben werden und statt von Menschen nur noch von Delinquenten die Rede ist. Ein SS-Mann reflektiert am Geburtstag Hitlers darüber, dass das Hotel Adlon in Berlin in den nächsten Tagen sicher in Flammen stehen würde. Das ändere nichts an der Führung dieses Hauses. "Die Haltung der Deutschen, ihre Selbstbeherrschung und das Gefühl für Disziplin bis in die sonderlichsten Einzelheiten hinein und bis zum letzten Augenblick, werden für alle, die das Ende des Dritten Reichs erlebt haben, eine großartige menschliche Erinnerung bleiben."

Wehleidigkeit kommt auf in Anbetracht der drohenden Niederlage. Was habe man nicht alles geleistet, die Alliierten würden alles zerstören. Um Moral geht es nicht, nur um Angst, sich rechtfertigen zu müssen. Ein Luftwaffenhelfer ist "nur für einen Führerstaat", eine Seminaristin findet es "entsetzlich traurig, vor einem so unsäglichen Kriegsende zu stehen", jetzt, wo man doch sechs Jahre durchgehalten habe. "Es wird trotz unserer Niederlage nicht ganz zwecklos gewesen sein", hofft sie weiter. Irgendwann komme es zum Opfergang der weißen Rasse gegen die gelbe.

In seinen "Notizen zum Echolot" schreibt Kempowski am 12. März 1992: "Ab und zu fällt mich das Gefühl an, das "Echolot" sei absolut überflüssig. Es hat nur seine Berechtigung, wenn es verstanden wird als exemplarische Darstellung menschlicher Grausamkeit und Gedankenlosigkeit." Von beidem erfährt man in "Abgesang '45" eine Menge.

Verarbeitung und Verdrängung
Man liest Augenzeugenberichte, die unter dem Eindruck des Geschehens noch kaum zu einer Sprache finden konnten, die spontan geäußert wurden. Daneben stehen allerdings auch Texte, die erst Jahre später mit dem Abstand eines Neuanfangs geschrieben wurden. Mit großer Wahrscheinlichkeit ist in diesen nachträglich verfassten Berichten vieles geschönt, wurde sicher vieles von dem nicht getan, gesehen und gewußt, womit man sich während des Dritten Reiches noch gebrüstet hätte. Dem Untertitel "Kollektives Tagebuch" wird diese Tatsache jedoch umso mehr gerecht, indem dadurch nicht nur tatsächlich Geschehenes nachgezeichnet wird, sondern zugleich verschiedene Stadien der Verarbeitung und Verdrängung dokumentiert sind.

"Die veränderten politischen Verhältnisse haben eine Änderung verschiedener Straßennamen notwendig erscheinen lassen. So ist dem "Adolf-Hitler-Platz" - früher Friedrichsmarkt - wieder der Name zurückgegeben worden, den er von den Anfängen der bürgerlichen Siedlung Fulda bis in das neunzehnte Jahrhundert hinein trug", berichtete das Fuldaer Nachrichtenblatt in einem kurzen Epilog, den Kempowski ans Ende des Buches stellt. "Echolot, das ist Kurskorrektur, die uns der Wahrheit ein Stück näher bringt", schreibt Kempowski in den Notizen. Echolot, das ist kein Begreifen. Es ist Gedenken und Erinnerung, es ist Trauer und Mahnung.

Karl Hafner
München, März 2005

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