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Walter Kempowski
Sirius

LESEPROBE

Januar 1989

NartumSo 1. Januar 1989, Neujahr

Wir begingen den Altjahrsabend diesmal ganz traditionell, mit Kappen, Berliner Pfannkuchen und Scherzartikeln, wobei uns das für dieses Brauchtum nötige Brockhauswissen stets zur Seite stand: Bleigießen und Knallbonbons zur Zukunftserforschung, Raketen zur Austreibung von Dämonen. Zum Kotzen! Aber: ohne Folkloristisches kann ich so was überhaupt nicht mehr ertragen. Wie macht man das eigentlich, "feiern"? Das heißt doch wohl "saufen", oder?
   Wir empfingen die Gäste mit Hallo. Jeder setzte einen Papphut auf, und dann gaben wir uns in der Halle bei Kerzenlicht einem "Prasnik" hin, wie wir das im Zuchthaus nannten. In Bautzen bestand der Prasnik aus einer doppelten Portion Brot, in Nartum gab es Räucherfisch, Pfeffermakrelen und natürlich Lachs, mit scharf-süßer Meerrettichsahne, einen herrlichen Obstsalat, mit Rum angemacht, Gänsebrust und die berühmte Fleischbrühe von Hildegard, mit der man Tote wieder fit kriegt. So was sollten sie in Krankenhäusern austeilen!
   Den Tischwein (zwei Kisten) hatte ich von Knaus zu Weihnachten bekommen. Ich verstehe ja nichts von Wein, und ich bin immer neugierig, was die Gäste zu meinem "Keller" sagen. Das Urteil fiel günstig aus. Auf seinen Verleger läßt man nicht gern was kommen. - Ich selbst rühre das Arsen-Zeug nicht an, ich trinke solides Bier und Steinhäger. Das Bier hat leider keine "Blume", weil wir unsere Gläser mit Pril spülen, schmeckt also absolut widerlich. Außerdem heißt es, daß der Hopfen ebenfalls mit Arsen behandelt wird. Die Reklame mit den blankgeputzten Kupferbehältern und den drei "Königstreuen", und das Wort "Reinheitsgebot" halten mich bei der Stange. Daß die EG-Beamten das Reinheitsgebot aufheben wollen, erbittert mich.

1990: Hildegard sagt, daß sie kein Spülmittel benutzt. Merkwürdigerweise fällt der Schaum aber trotzdem zusammen.

*

Zum Essen wurden Balladen aufgesagt.

Das Wasser rauscht', das Wasser schwoll,
Ein Fischer saß daran,
Sah nach der Angel ruhevoll,
Kühl bis ans Herz hinan.

Um entsprechende Vorbereitung hatte ich die Gäste gebeten. Herr von Ribbeck, die Timotheus-Angelegenheit, der Erlkönig usw. Im Grunde alles recht unerträglich. Aber im Bewußtsein der historischen Distanz eben doch unterhaltlich.
   Ich erinnere mich noch genau, wie der Student Peter in Bautzen den "Heideknaben" aufsagte oder besser aufschrie, das hat uns damals sehr beeindruckt.

"Er zog ein Messer!" - "War das, wie dies?"
"Ach ja, ach ja!" - "Er zog's?" - "Und stieß " ...

Als pervers aber muß ich es bezeichnen, daß der Deutschlehrer uns noch im Stalingradjahr die "Bürgschaft" auswendig lernen ließ. Zwischen Räucherfisch und Bleigießen las ich aus dem "Neuling"* [* "Neuling" = später "Herzlich willkommen" (HW)] ein paar Seiten. Leider schwiegen die Gäste sich - obwohl hochqualifiziert - hinterher aus. Die Uhr tickte, und ich schwieg ebenfalls, leicht aufkochend. Vielleicht dachten sie: Er ist sowieso schon so erregt, bloß nicht noch reizen. Es wurde also peinlich, was mich noch mehr "reizte". Ich kenne dieses Schweigen vom Familienkreis her. Da heißt es auch immer nur: Sehr schön! wenn ich mich mal produziere.
   Meine Silvestergereiztheit wurde diesmal ohne weiteres hingenommen. Man hat sich wohl daran gewöhnt: So ist er nun mal. Ich hab' schon gedacht, ob die Wut, die sich jeden Altjahrsabend bei mir einstellt, vielleicht von den Gewürzen im Glühwein herrührt, von dem ich dann leider doch das eine oder andre Glas trinke! - Es spielt gewiß auch der Gedanke eine Rolle, bis Mitternacht feiern zu müssen, das empfinde ich als eine Art Freiheitsberaubung. Spät am Abend sorgte der senfgefüllte Berliner für jene Stimmung, die jede lustige Gesellschaft zu Silvester erwartet, obwohl ein senfgefüllter Berliner in einem Kreis wie dem unsrigen, grünbewegt und sozialbewußt, als Sünde empfunden wird, "wo doch in Indien Millionen von Kindern hungern!".
   Die herumgereichte Polaroidkamera machte ebenfalls Laune. Wie man sich ausnimmt, kann man ja nicht oft genug zu sehen kriegen. Die Standuhr schlug zwölf, die Atomuhr im Fernsehen ebenfalls, die Raketen wurden vom Wind verweht, die Hunde verkrochen sich vor der Knallerei, und ich ging zu Bett und hörte in meinem Recorder, auf dem Rücken liegend, die Hände wie auf dem Sterbebett gefaltet, den "Heiligen Dankgesang eines Genesenden an die Gottheit".
   Die andern feierten noch bis vier Uhr früh, ihr Lärm drang zu mir herauf. Sie waren wohl von Herzen froh, daß sie mich los waren. Unsere Eltern pflegten zu weinen, wenn es zwölf schlug, unsereiner atmet auf.

*

Als Tischdame hatte ich mir die kleine Stephanie ausgesucht. Das gab dem Altjahrsabend einen gewissen Schmelz. Ich bekam von ihr ganz unvermutet einen trocknen, ja rissigen Kuß, von ihrer vollblütigen Mutter einen feuchten.

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