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Walter Kempowski
Hamit

LESEPROBE

Januar 1990

NartumMo 1. Januar 1990, Neujahr

Wer sik nich wohrt, ward oewerkort. (Mecklenburg)

Dieses Jahr wird uns ein Wiedersehen mit der Heimat bringen. Heimat - ein altmodisches, diskreditiertes Wort.

Heimat, theure Heimat, dir nur allein
gilt all mein Sehnen, all mein Sein:
Theure Heimat mein!

sangen wir in Bautzen. Von heute aus gesehen: Ein bißchen übertrieben, man hat schließlich noch was anderes zu tun. Auch die Emigranten aller Zeiten mögen so voll Heimat gewesen sein. Aber gesungen haben sie gewiß nicht. Mancher spuckte auch auf sein Heimatland, aber im Innern wird auch er an die Linde vorm Vaterhaus gedacht haben.
   Rostock ist im wahrsten Sinne des Wortes eine "Heimat"-Stadt, sie hat etwas von Heimat an sich, ganz allgemein, wie Göttingen etwa, man kann nicht begreifen, daß es Menschen gibt, die diese Stadt nicht mögen: die alten Kirchen und Tore, die Universität... Die See nicht zu vergessen! - So wenig wie man es versteht, wenn Menschen sagen "Heimat? Ich bin überall zu Haus." Leute ohne eine Bindung an Heimat sind mir verdächtig.
   Immer bin ich in Rostock gewesen, auch in den Jahren der Trennung. Ich habe diese Stadt vor und zurück beschrieben, Fotos gesammelt, ja, ich bin sogar soweit gegangen, sie in Papier nachzubauen! Sehnsucht ist gar kein Ausdruck! Vielleicht wäre mein Heimat-Drang gar nicht so stark gewesen, wenn man mich an einem Wiedersehen nicht gewaltsam gehindert hätte?
   Ein Zarah-Leander-Film hieß "Heimat". Eine ziemlich kitschige Sache. Aber das Lied "Drei Sterne sah ich scheinen ..." hatte es doch in sich.
   Setzen wir das Wort "Hamit" an die Stelle des abgegriffenen Wortes "Heimat". "Hamit", wie die Erzgebirgler sagen. Da fühlt man sich schon ganz anders! Und man hat sie ganz für sich, die theure Heimat, weil allewelt denkt, man spricht von einem fernen Stern. So fern war sie auch, die Heimat, in den vergangenen vierzig Jahren, fern aber gegenwärtig. Wir möchten sie gerne berühren, die alte Welt, die der Ort unserer frühen Schmerzen ist. Vielleicht geht von einer Berührung "Heilung" aus?

Es ist leichter fortzugehen als wiederzukommen.
(Zarah Leander in "Heimat")

Wir haben Abschied genommen von den Achtzigern und schwenken in die Neunziger ein.
   Die goldenen Fünfziger, noch halb in Bautzen, schon halb im Westen, die nicht minder goldenen Sechziger, mit Studium, Ehe, Job und Kindern (zunächst das düstere Breddorf und dann das liebliche Nartum), die verhunzten roten Siebziger, die Achtziger, die mir Sommerklubs bescherten mit viel Jugend, und Seminare mit reiferem Alter, mit "Herzlich Willkommen" den Abschluß der Chronik und die "Hundstage". Die Freßwelle, die Möbelwelle, die Reisewelle ... Wir schwimmen noch immer geduldig Zug um Zug, mal mit, mal gegen den Strom.
   Nun also die Neunziger, sie werden uns ein Wiedersehen mit der "Hamit" bescheren und manches andere, wenn ich nur immer schön meine Pillen nehme! Wer hätte das gedacht. Morgen fällt auch für uns die Mauer, die ja nach Meinung des Staatsratsvorsitzenden Honecker noch 100 Jahre stehen sollte. Mit Prophezeiungen dieser Art sollte man vorsichtig sein. Hitler hat mit seinen 1000 Jahren ja auch ziemlich vorbeigehauen, mit den vier Jahren jedoch richtig gelegen. Nach vier Jahren war Deutschland in der Tat nicht mehr wiederzuerkennen, so wie er es vorausgesagt hatte. Im vorigen Jahr habe ich mir die "Friedensgrenze", den "Schutzwall" noch angesehen, sauber geharkt, ein Jeep patrouillierte zwischen den Stacheldrähten und Mauern dahin. Und diesseits pflückten Türkenfrauen Melde. Die Visumspflicht für den Arbeiter- und Bauernstaat ist aufgehoben worden. Ich fahre also morgen mit Robert nach drüben, in das "Phänomen", wie Kurt Georg Kiesinger die DDR nannte. Hübsche deutsche Formulierung: "Unrechtsstaat". - "Ostzone" war von Anfang an die richtige Bezeichnung. - "Wie meinen Sie das?": Sie enthielt das Armselige, was der sogenannten DDR bis zum Schluß anhaftete.

Heimwärts reitet Silen. Er spielt auf der lieblichen Flöte freilich vielerlei, doch meistens nur düdellütt!
(Wilhelm Busch)


Nartum/HamburgDi 2. Januar 1990

Alle Morgen Grött, alle Möddag Môss, alle Abend Päkelflesch on alle Nacht en Stoss. (Alt-Pillau)

Heute also nach Rostock: Auf, auf! sprach der Fuchs zum Hasen, hörst du nicht die Hasen blasen? - Robert war schon von anderer Seite aufgefordert worden nach Rostock zu fahren, ich konnte ihn gerade noch davon abhalten. Dieses Erlebnis sollten wir schon gemeinsam haben.
   Beim Zusammensuchen des Reisegepäcks sah ich mir mit einem gewissen Wohlgefallen meine Siebensachen an, die neuen Hemden, die Krawatten. Das lederne Necessaire, das Hildegard mir schenkte, liegt obenauf, mit "Paco Rabanne", dem bisher noch nicht benutzten Duftwasser, dem silbernen Pillenschachtel-Set mit Gelonida, Aspirin, Valium, Vitamin C, Spartocine N, Pravasin, Stilnox, den Fläschchen mit Kamillosan und Bifiteral, der Speickseife und dem freundlichen Taschenkamm "handgesägt". Den echten Schwamm muß ich leider zu Hause lassen, weil er die Feuchtigkeit zu sehr hält.
   Beim Heraussuchen der Anzüge langes Überlegen: Räuberzivil? oder in Schale werfen? - Als Herr zurückkehren oder als verlorener Sohn? Ich werde mich der Heimatstadt in Tarnkleidung nähern, das wird das beste sein. Von hinten anschleichen, kein Aufsehen erregen.
   Auf die Türme werden wir verzichten müssen, sie loderten im April 1942 gen Himmel, wie es schlechte Heimatschriftsteller formulieren.
   Je mehr Mahnmale, desto weniger fühlen sich die Menschen betroffen. Jedes Denkmal legt Erinnerungen für immer ad acta.


RostockDo 4. Januar 1990

Iwarôl is's guad sain, ôwa dahoam is's am besten.(Niederösterreich)

Ich fuhr gestern Abend zu Robert nach Niendorf. Er hatte sich was "hinter die Binde gegossen", was ich natürlich sofort bemerkte. Offensichtlich aus Furcht vor unserm Abenteuer hatte er was getrunken. Er sei ja nur "auf Bewährung" entlassen worden, sagte er, also, beim geringsten Anlaß sperrten sie ihn womöglich wieder ein? - Das ist "der Respekt vor dat Hus", wie John Brinckman es ausdrückte. Es wäre ja herrlich, wenn wir in dieser Hinsicht Schwierigkeiten bekämen, das wäre ja im Hinblick auf Publicity äußerst wertvoll!
   Einsperren werden sie uns nicht, aber vielleicht setzen sie Schläger auf uns an.
   Wir kauften Gemüse ein und Obst für unsere Gastgeber - junggesellenhaft viel - und fuhren los. Mit Gott für Kaiser und Reich. Robert hatte einige Jazz-Kassetten eingesteckt, für unterwegs, sein Fundus ist sagenhaft. Wenn er in seiner Stube sitzt, zündet er sich eine Zigarre an und läßt sich von seiner Musik umspülen. Teddy Wilson, Nat Gonella, Ella Fitzgerald. - Translocationen in jeder Hinsicht. Auch das sind Denkmäler. Sie erinnern mich an Roberts Freunde, die eben noch die Platten auflegten und dann hinaus mußten und "fielen". Dicki Möller, Erni Weber, Helmut Wischeropp ... Als sie sich verabschiedeten, waren sie bereits zum Tode verurteilt. Müssen wir ihr Leben leben? Da war doch noch was offen?

Carry me back to Old Verginny ...

Ich habe den Jazz-Professor Behrendt nie leiden können. Er nahm uns durch Erklärungen weg, was wir doch schon alles wußten.

Nicht viel Verkehr, wir dachten, es würde jetzt, nach dem Wegfall der Visumspflicht, eine Völkerwanderung in umgekehrter Richtung einsetzen. Ein zweiter Mauerfall. Wir waren weit und breit die einzigen. Der Grenzbeamte am "antifaschistischen Schutzwall" in seinem Glaskasten winkte uns einigermaßen freundlich durch, unsern Ausweis wollte er nicht sehen. Wie der sich wohl noch vor zwei Monaten benommen hat! Mit Spiegel unter dem Wagen nachgekuckt, ob da Propagandamaterial versteckt ist? Einen dieser deutschen Herrenmenschen in ausgestopftem Zustand ins Museum stellen. Ob diese Leute wohl mal fotografiert wurden?
   Der alte Witz von "Gänsefleisch" geht einem durch den Kopf. "Gänsefleisch den Kofferraum öffnen..." Durch intensives Grinsen kann nichts ungeschehen gemacht werden.

Wir hatten es dann ganz gemütlich, vollgetankt bis zum Stehkragen, zwei Reservekanister hinten drin (wer kann wissen, was uns drüben noch alles blüht?), Roberts Jazz-Kassetten, belegte Brötchen und das behagliche Gefühl, irgendwie als Sieger der Geschichte heimzukehren.
   Über der traurigen Landschaft lag Braunkohledunst, alles war naß, programmgemäß regnete es: isländischer Sommer. Die Gelassenheit des Niederschlags übertrug sich auf unsere Stimmung.
   In einem Dorf stoppte uns ein kleiner Junge, er spielte Bananenbegrüßung ä la Bundesrepublik und schenkte uns Äpfel aus einem Korb.
   Komischer Gedanke, daß die Chausseebäume hier schon seit Kaisers Zeiten stehen. Und hier strömten 1945 Flüchtlinge und Soldaten in Richtung Westen. Und die Russen hechteten irgendwie zähnefletschend hinterher.

... Oh, my old Nelly Grey
they have taken you away
and I never see my darling anymore ...

In Wismar hielten wir kurz an, bis hierher waren damals die Russen gekommen. Hatten sich die Alliierten die Hand geschüttelt? Ich hätte es im April 1945 noch schaffen können, warum bin ich nicht weggelaufen? Zu Fuß, oder sogar mit unserm Dampfer, der noch am 1. Mai im Rostocker Hafen lag. In einer ausgebauten Garage aßen wir einen Napf Kartoffelsuppe, "daß die hier eine so gute Kartoffelsuppe haben, hätten wir nicht gedacht", so in diesem Stil. Von zwei Arbeitern wurden wir beäugt, ohne daß ein Gespräch in Gang gekommen wäre. Robert, der sonst nie um Worte verlegen ist, hatte es die Sprache verschlagen. Er versuchte es auf Platt, ohne Erfolg, wahrscheinlich waren es Sachsen. "Kennwort Nussbaum" hätte hier nichts genützt. Sein britischer Schnurrbart wird ihnen im Gedächtnis bleiben.
   Nachdem wir Wismar durchfahren hatten, an der in die Luft gesprengten Marienkirche vorüber, und ich dabei zum weiß nicht wievielten Male die Erinnerung an eine junge Russin hervorgeholt hatte, die sich anno 1947, als ich noch ein Jüngling war, an mein Bett gesetzt, meine Hand gefaßt und von ihrer Heimat erzählt hatte, und nachdem ich Robert ins Ohr geschrien hatte, was ihn "vergleichsweise kalt ließ", nämlich daß St. Georgen, die da langsam vor sich hinrottet, die entfleischten Rippen gen Himmel gedreht, eine Schwesterkirche von St. Marien in Rostock ist, verließen wir bei Züsow - ein Name, der ihm gefiel - die Transitstraße, hin und her überlegend, was wohl das Schild zu bedeuten hat:

Auf der TS ist
wegen Rekonstruktionsarbeiten
kein DK zu erhalten.

Wir fuhren durch mecklenburgische Landschaft, Oscar Peterson hinauf, hinunter, hin und wieder eine Bischofsmütze, so nennt man die charakteristischen Kirchtürme hier, und die Scheibenwischer immer hin und her, ohne daß uns ein Mensch begegnete. Robert erzählte lange Geschichten von seinem Kollegen in der Deutschen Bank, pi-pa-po, der ihm schon seit 15 Jahren am Schreibtisch gegenübersitzt, und wir dachten beide an Rostock, an die "Hamit", die wir hatten verlassen müssen, und in die wir jetzt tatsächlich wohl irgendwie als Sieger wieder einziehen würden. Wenn auch mit Blessuren und gänzlich ohne "Hosianna!"
   Sieger? Als gute Onkels aus dem Westen mit stark ausatmendem Gemüse und Apfelsinen im Kofferraum. In den Dörfern hier und da ein paar nasse, herabhängende Tücher auf einem Zaun oder im Gesträuch, eben noch zu ahnen waren die daraufgepinselten Aufschriften: Herzlich willkommen! - Vor einer LPG hing trotzig eine Fahne mit Hammer und Zirkel. "Sozialismus heißt Siegen."
   Ein Mann auf einem Moped fiel uns auf, der trug einen sehr komischen Schutzhelm. "Vorsintflutliche" Lastwagen, einer hinten links Schlagseite, mit tropfendem Kies beladen.
   Oscar Peterson hinauf, hinunter, und natürlich sprachen wir auch von "damals" - auch das ein Film mit Zarah Leander - und uns fiel vorwiegend Lustiges ein: Die sogenannten Typen zählten wir her, "Tante Bertha" mit ihrer übergroßen Handtasche, hinter der die Straßenjungen herhöhnten, wenn sie sich irgendwo sehen ließ, "Zucking", der stets Bonbons in der Tasche für junge Mädchen bei sich trug. Der Sohn von Gärtner Hut, der Parademarsch machte, wenn man hinter ihm herpfiff, und "Ich habe alle meine Examen mit Auszeichnung gemacht", ein Herr mit Kavalierstaschentuch, der Studenten in der Eisdiele um 10 Pfennig anging. "Überstudiert", sagte meine Mutter zu dem. "Luden Patent" nicht zu vergessen, immerfort auf dem Weg zum Bahnhof, seine Geliebte abzuholen, die ihn vor Jahrzehnten im Stich gelassen hatte. Ob wohl je irgendein Rostocker an uns Typen gedacht hat?
   Dann kam Satow in Sicht mit der Kirchenruine aus dem Dreißigjährigen Krieg, von Efeu überwachsen, jetzt möglicherweise "Freilichtbühne" für Störtebeker-Laienspiele, Kritzmow, wo Vater eine Freundin hatte, die Dorfschullehrerin war. Und schließlich der Neue Friedhof mit den eingeebneten Gräbern unserer Großeltern. Lichter über dem Strom? Und dann "Rostock", das gelbe Schild. "Diese Stadt arbeitet im antifaschistischen Sinne" hatte früher darunter gestanden. Es regnete immerfort, ganz undramatisch, ein Landregen, der nie aufhört.

Treu auch bist du von je, treu auch dem Flüchtlinge blieben, freundlich nimmst du, wie einst, Himmel der Heimat, mich auf?
(Hölderlin, "Der Wanderer")

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