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Walter Kempowski

Somnia
Tagebuch 1991


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ÜBER DAS BUCH

»Meine Tage sind ein wüstes Ankämpfen gegen die Zeit.«
Walter Kempowski


Mit seinem vielbändigen, vielstimmigen "Echolot" fand Walter Kempowski eine literarische Form für das kollektive Gedächtnis. Darin bewahrte er auf, was uns allen verloren zu gehen drohte. Seine eigenen Tagebücher sind dagegen der literarische Ort seines individuellen Gedächtnisses und gewähren einen faszinierenden Einblick in das Seelenleben dieses neben Günter Grass und Martin Walser wohl bedeutendsten Schriftstellers der deutschen Gegenwartsliteratur.

Er könne gar nicht begreifen, sagte Walter Kempowski einmal, dass es Schriftsteller gebe, die kein Tagebuch führen. Ihm selbst ist das Tagebuchschreiben ein tägliches Exerzitium, mit dem er in seismographischer Empfindlichkeit auf die andrängenden Ereignisse reagiert, der kleinen und großen Tragödien Herr zu werden versucht. Nach "Sirius", "Alkor" und "Hamit" erscheint nun mit "Somnia" das Tagebuch aus dem Jahre 1991.

"Somnia" ist Lateinisch für Träume und in einem umfassenden Sinn zu verstehen. Es sind die gehabten Träume, die Walter Kempowski des Morgens notiert, es sind aber auch die Sehnsüchte, die ihn umtreiben und die sich etwa im Fall der deutschen Wiedervereinigung erfüllt haben. In anderen Fällen aber wiederum unerfüllt blieben. So gibt es ein ganzes Arsenal von Heimsuchungen, bösen Ahnungen und Albträumen, die jederzeit über ihn hereinbrechen können.

1991 war, historisch betrachtet, ein ereignisreiches Jahr. Der erste Golfkrieg, die "Mutter aller Schlachten", findet im Tagebuch ebenso seinen Niederschlag wie der Putsch gegen Gorbatschow, der Aufstieg Jelzins, die Auflösung des Sowjetreichs, der Beginn des Jugoslawienkriegs, die Entscheidung für Berlin als deutscher Hauptstadt. Ein nicht geringer Reiz dieser Aufzeichnungen liegt darin, dass Kempowski auf diese Ereignisse ganz unmittelbar reagiert, seinen Aufwallungen unzensiert freien Lauf lässt, auf staatstragende Ausgewogenheit und schon gar politische Korrektheit keinerlei Rücksicht nimmt. "Als Schriftsteller hat man beherrscht und in sich ruhend durch die Gegend zu schreiten", schreibt er - und missachtet diese Maxime konsequent. Linke aller Couleur, Gewerkschaften, "Friedensfreunde" und andere Menschheitsbeglücker sind ihm ein stetes Ärgernis. Der Literaturbetrieb mit seiner Günstlingswirtschaft und seinen Ausgrenzungsmechanismen ein weiteres. ("Dieses unheimliche Schweigen um mich herum. Kaum beweisbar oder benennbar werde ich geschnitten. Ich bin ein Nicht-Mitmacher, und das kann nicht geduldet werden.")

Am Schreibtisch bringt er in bewegter Zeit seinen Roman "Mark und Bein" zum Abschluss und ringt um seine Konzeption für das "Echolot". Lesereisen mit ihren misslichen Begleitumständen werden festgehalten, Begegnungen mit Menschen, berühmten und unbekannten, die Kempowski nach ihrer persönlichen Wahrnehmung von der Wiedervereinigung befragt und diese Wahrnehmungssplitter als "Plankton" in sein Tagebuch einbaut. Auch die von ihm veranstalteten Literaturseminare, finanzielle Sorgen, seelische und körperliche Befindlichkeiten werden sorgsam registriert.

"Meine Tage sind ein wüstes Ankämpfen gegen die Zeit", notiert er. Sein Refugium in Nartum ist der fragile Ruhepol. Mit feiner Ironie erzählt Kempowski von der nicht immer störungsfreien häuslichen Idylle, den Hundedramen, den Reibereien zwischen den Hühnern und Schafen, dem bäuerlichen Leben in seiner Nachbarschaft. Die Aufzeichnungen brechen am 21. Dezember 1991 ab, als Kempowski einen Schlaganfall erleidet.

"Somnia" gibt ein genaues, häufig skurriles und komisches, immer aber berührendes Abbild eines bedeutsamen Zeitabschnitts im Leben des Schriftstellers Walter Kempowski.

 

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