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Walter Kempowski

Langmut
Gedichte
Gelesen von Walter Kempowski


Audio-CD

 

ÜBER DAS HÖRBUCH

Sechs Monate vor seinem Tod am 5. Oktober 2007 zeichnete Radio Bremen Walter Kempowskis Gedichtsammlung "Langmut" von ihm selbst gelesen auf. Zu seinem 80. Geburtstag am 29. April sind Buch und Hörbuch in den Handel gekommen.

Die Aufnahme kombiniert seine Gedichte mit Auszügen aus Dimitri Schostakovitschs „24 Präludien und Fugen Op.87“. Die vier Musikstücke, die die Konzertpianistin Annorte Kaesche interpretiert, gehörten zu den Lieblingsstücken des Autors.


"Der Historiograph des untergegangenen Deutschlands" Süddeutsche Zeitung

Walter Kempowski war in den 1970er Jahren mit seiner vielbändigen Deutschen Chronik, einer großangelegten Familiengeschichte, zu Popularität gelangt. Durch ihre gelungene Fernsehverfilmung sind insbesondere die Teile Tadellöser & Wolff (1971), Uns geht's ja noch gold (1972) und Ein Kapitel für sich (1975) einem breiten Publikum bekannt geworden.

Zahlreiche Geschichten, Hörspiele, Bücher für Kinder und Romane folgten. Neben der Deutschen Chronik bildet sein "kollektives Tagebuch" Echolot ein zweites, umfassendes Projekt. Auszüge aus Briefen und Einträge aus unterschiedlichen Tagebüchern zwischen Juni 1941 und Mai 1945 hat Kempowski in zehn Bänden zu einer zeitgeschichtlichen Textsammlung zusammen getragen. Doch veröffentlichte er auch eigene Tagebuchaufzeichnungen (Sirius, Alkor, Hamit, posthum: Somnia), in denen er sich mit der jüngeren deutschen Vergangenheit der Wende- und Nachwendezeit befasste.


50 Jahre nach Bautzen - Eine Reprise

Der Dokumentarist und Vielschreiber hatte noch im Alter von 74 Jahren ein neues Genre für sich entdeckt und mit dem Verfassen von Gedichten begonnen. Thematisch kehrte er damit zu seinen frühen Jahren zurück. Der Gedichtband Langmut, der nun posthum veröffentlicht wurde, verarbeitet die Haft im Gefängnis Bautzen, zu der der 19-jährige Kempowski wegen angeblicher Spionagetätigkeit durch ein sowjetisches Militärgericht verurteilt worden war.
Nach acht Jahren konnte er das DDR-Gefängnis 1956 vorzeitig verlassen. Doch in seiner Biografie hatte sich diese Zeit als schicksalhafte Erfahrung, ja als Trauma eingebrannt.

Langmut, so informiert das Lexikon, ist ein altertümliches Wort für Geduld und beschreibt eine Tugend, die meist gepaart ist mit Eigenschaften wie Gelassenheit, Milde, Nachsicht und Güte - und mit Ausdauer, in der die Zeitkomponente ebenso steckt wie in Langmut selbst.

2003, also mit einem Abstand von rund fünfzig Jahren, beschreibt Walter Kempowski die Eindrücke der damaligen Zeit, als stünden sie ihm klar und gegenwärtig vor Augen und Ohren. Dabei sind es durchweg Erinnerungstexte, die belegen, wie fortdauernd die Erlebnisse von Isolation und Verzweiflung in ihm ein Nachleben geführt haben.


Der Kreis schließt sich

Der Schmerz wird in der von Walter Kempowski selbst gelesenen Hörbuchfassung besonders spürbar. Nicht schreiend und pathetisch, sondern durch die brüchige Stimme des alten Mannes, der Rückschau hält auf eine tiefe biografische Wunde. Seine Haftzeit gab ihm den Anstoß zum Schreiben. Zu ihr kehrte er seinem dichterischen Schlusspunkt zurück.

Es ist ein eher nüchterner Ton, mit dem Kempowski die kurzen Gedichte liest, sich in die Umstände des Gefangenseins einfühlt. Immer wieder schieben sich elementare Dinge in den Vordergrund: Sonne und Wind, Regen und Hagel, Wolken und Schnee, Luft und Sterne, Jahreszeiten und Temperaturempfindungen.

Kälte und Stille spielen eine wichtige Rolle. "Über dir schlurft es und unter dir wird marschiert", heißt es in einem Gedicht. Doch das Horchen und Lauschen in die Stille verstärkt oftmals nur die Abwesenheit von Tönen: "Stille dringt in die Ohren, schwingt in dich ein, im Schlaf weckt es dich stark und streng und es hält an. Das ist der Ton der dich fesselt. Er bleibt dir, wohin du auch gehst".


Lebensgrenzen

Und immer wieder die Gitterstäbe. Sie sind ihm Taktgeber der Tage und Jahreszeiten und beständiger Blickfang: "Wind streicht durch die Harfe des Gitters" (Seltene Tage), "Die Sonne tickt von Stab zu Stab", liest er im Gedicht Im Winter, und: "Im Frühling sind die Stäbe nass, im Sommer hell bis in die Nacht", in Jahreszeiten. Mit Sieben Stäbe im Fenster widmet er dieser Grenze zur Welt ein ganzes Gedicht.

Die Unfreiheit wird erlebbar durch die Abwesenheit von Licht, von Klängen, von Worten und Gesprächen. Und doch gibt es in der Tristesse des Gefangenendaseins Musik, Frauen, Meer und Blumen. Fragmente der Erinnerung, Gedankenblitze, die in dem Schwarz-Weiß der Zelle Farben aufscheinen lassen. Manchmal sehnsuchtsvoll und manchmal voll bitterer Poesie wie in Stacheldraht, den er euphemistisch umdeutet: "Ganz hübsch, diese Falter von Draht, sie fliegen nicht fort."

So ist Langmut eine berührende und zutiefst melancholische Hinterlassenschaft, in dem Walter Kempowski eigenen unverkennbaren Stimmklang mit dem norddeutschen Sprachduktus. Wie die Eindrücke sind auch Worte und ihre Gestaltung verknappt und buchstäblich verdichtet. Der literarische Chronist deutscher Geschichte des 20. Jahrhunderts und Urheber eines umfangreichen Oeuvres erweist sich hier als Chronist eines inneren Geschehens.

Petra Metzger, Random House Audio 2009

 

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